UNTER EINER DECKE

Mitbewohner wider Willen

L E S E P R O B E

1
Holly

Seufzend ließ ich mich mit geschlossenen Augen in der Badewanne nieder. Die wohlige Wärme des Wassers und das sanfte Kribbeln auf meiner Haut, welches der nach Pfirsich duftende Schaum hinterließ, ließen mich entspannen und den Kopf ausschalten. Zwar war es immer noch äußerst ungewohnt für mich, dass ich dieses Haus zum ersten Mal für mich allein hatte, doch wie ich nun merkte, es hatte auch durchaus seine Vorteile, wenn man das Badezimmer mit niemandem teilen musste. Vor allem aber klopfte nicht ständig jemand an der Tür, sobald man sich einmal in der Badewanne mit einem kühlen Glas Weißwein erholen wollte.
Vielleicht ließ es sich ja doch gut alleine leben?
Seitdem meine beiden Freunde aus unserer selbsternannten Wohngemeinschaft ausgezogen waren, wusste ich nicht so recht, was ich tun sollte. Zwar hatte ich dieses Haus vor einigen Jahren von meinem wundervollen Großvater geerbt und hatte somit Glück, keine Mietwohnung beziehen zu müssen. Doch die horrenden Steuern für Grund und Boden, für Abfall und was nicht sonst alles anfiel, machten mir Sorgen. Noch konnte ich alles selbst bezahlen und lebte von meinen Ersparnissen, doch ich wusste, sobald ich den Studienplatz annehmen sollte, würde ich finanzielle Probleme bekommen.
Vielleicht war es also doch gar keine so schlechte Idee von Mark gewesen, direkt nach seinem Auszug nach einem Untermieter zu suchen. Das Haus war sowieso viel zu groß für mich allein. Und außerdem war es auch viel lustiger, wenn man zumindest hin und wieder Gesellschaft hatte. In Ruhe baden zu gehen konnte ich mir dann zwar definitiv wieder abschminken, aber solange ich noch alleine lebte, konnte ich diesen Genuss voll und ganz auskosten.
Zufrieden in mich hinein lächelnd sank ich in der Badewanne weiter runter, ließ mich vollkommen treiben und entspannte jeden Muskel, der verkrampft schien. Blind tastete ich vorsichtig nach meinem Weinglas, das auf dem Badewannenrand stand und gönnte mir einen tiefen Schluck, ehe ich abermals leise seufzte.
Das Leben konnte manchmal wirklich schön sein. Und wenn ich eine Möglichkeit finden würde, dieses Haus und dessen Kosten irgendwie auch weiterhin selbst zu finanzieren, würde ich mich sicherlich nicht noch einmal auf einen neuen Mitbewohner einlassen. Wozu auch? Schließlich war ich doch mittlerweile alt genug, ich war bald Mitte zwanzig und auch wenn ich normalerweise nicht allzu gern alleine war, so schien es mir doch komisch, ein typisches WG-Leben mit einer mir fremden Person führen zu müssen. Mit meinen beiden Freunden war das bisher natürlich anders. Wir kannten uns schon eine halbe Ewigkeit. Dass Mark und Sally sich einmal ineinander verlieben würden, hätte ich damals nie für möglich gehalten. Wie sehr man sich doch täuschen konnte...
Ein knarrendes Geräusch, das aus dem unteren Stockwerk zu kommen schien, ließ mich unwillkürlich zusammenzucken, weswegen ich meinen wundervollen und köstlichen Riesling aus Versehen in mein Badewasser kippte. Super! Meine Atmung beschleunigte sich, auch wenn ich mir natürlich sofort einzureden versuchte, ich hätte mich mit Sicherheit verhört oder es war lediglich das Holz des Bodens, welches nach einem kalten Tag wie diesem ganz von allein knarrte.
Wie auf Kommando knarrte es erneut. Doch diesmal war ich mir leider viel zu sicher, dass es nicht das typische Geräusch von Holz war, das sich durch die eisige Kälte vom Tag zusammen zog. Mein Herz rutschte mir in die Hose – zumindest bis auf den Grund der Badewanne und ich konnte mich vor Schreck kaum bewegen, horchte aufmerksam dem leisen Knarren, das sich hörbar von Raum zu Raum zu bewegen schien. Was zum – ?
War es vielleicht irgendein Tier, das sich durch das gekippte Fenster im Wohnzimmer rein schlich und nun mein armes Haus nach irgendetwas Essbarem absuchte? Ein gieriger Waschbär? Eine streunende Katze vielleicht? Oder irgendein anderes Getier, das seine Pfoten nicht von meinem Hab und Gut lassen konnte?
Genervt, aber mit ordentlich weichen Knien, erhob ich mich aus meinem wohltuenden Badewasser und stieg aus der Wanne. Schnell fischte ich nach einem übergroßen Handtuch, trocknete mich nur oberflächlich ab und wickelte es mir um den Körper, ehe ich furchtbar leise versuchte die Tür zu öffnen und in den Flur trat. Draußen war es bereits dunkel und die Nacht schlich sich durch die Räume, weshalb ich rein gar nichts erkennen konnte, als ich am Geländer runter ins Erdgeschoss zu schielen versuchte. Nicht einmal etwas zu hören war nun. Stille umhüllte das Haus und ich wurde immer unsicherer. Vielleicht hatte ich mich ja doch nur verhört oder es war eben tatsächlich das dämliche alte Holz des Dielenbodens.
Knarr! Verflucht, da war es schon wieder! Ich war also doch nicht bescheuert und bildete mir auch absolut nichts ein, da war tatsächlich etwas – oder gar jemand – im Haus.
Mit rasendem Herzen schlich ich so leise wie möglich die Treppen runter, krallte mich dabei an mein Handtuch fest und betete in Gedanken, es möge doch bitte ein kleines Miezekätzchen sein, das nur ein wenig Hunger und sich verlaufen hatte. Doch statt einem verräterischen Miau – oder was Katzen auch immer so von sich gaben – kam erneut nur wieder ein Knarzen des Bodens im Wohnzimmer. Angespannt und mit zittrigen Händen, die sich immer noch um das Handtuch an meinem Körper klammerten, hielt ich kurz die Luft an, als ich einen leichten Schatten an der gegenüberliegenden Wand wahrnahm und blieb abrupt im Flur stehen, konnte mich nicht mehr bewegen.
»Hallo?«, rief ich verzweifelt und voller Angst, wollte mich danach allerdings direkt nur noch ohrfeigen. Was tat Frau, wenn man das Gefühl hatte, jemand Unbefugtes wäre im Haus?! Klar, man machte gekonnt und laut auf sich aufmerksam. Hervorragend, Holly, etwas Dämlicheres hättest du nicht tun können! Aber nun gut, da ich den Fehler bereits begangen hatte, konnte ich auch direkt damit weitermachen. »Hallo?«, versuchte ich es erneut, setzte einen Schritt vor den anderen, schlich quer durch den Gang und bog zum Wohnzimmer ab. »Ist da jemand?«, fragte ich unsicher, diesmal aber viel leiser, da meine Stimme drohte wegzubrechen, als plötzlich die kleine Standleuchte anging und ich einem fremden Mann entgegenstarrte.
Ich unterdrückte den Aufschrei, der meine Kehle unausweichlich verlassen wollte und vernahm eine klare Stimme in meinem Kopf, die mir etwas zu sagen versuchte. Leider überhörte ich sie erst einmal im Eifer des Gefechts, als sich mein Mund selbstständig machte und meiner Kehle ein schriller Ton entwich.
»Wer sind Sie und was wollen Sie hier?«, quietschte ich ungehalten, ehe endlich die Worte meines Verstandes zu mir durchdrangen und ich augenblicklich meine eigene Frage von selbst beantworten konnte. Denn vor mir stand doch tatsächlich niemand geringeres als dieser dauergrinsende und arrogante, reiche Spinner, den man ständig im Fernsehen sah. Nathaniel John Davis. Der überaus gutaussehende und leider viel zu verwöhnte Schauspieler einer beliebten Sitcom. Der wohl berühmteste Sohn unserer winzigen Kleinstadt.
Was zur Hölle tat er in meinem Haus? Und das auch noch zu dieser Uhrzeit! Und überhaupt... Verdammt, wie zum Teufel kam er hier rein? Sofort schnellte mein Kopf Richtung Haustür, doch die war geschlossen. Keine Spuren von Einbruch oder ähnlichem. Das allerdings machte das Ganze nicht besser.
War das alles vielleicht nur ein ziemlich abgedrehter Traum und ich lag eigentlich noch immer schön entspannt in meiner Badewanne und war eingeschlafen? Oder war ich gar beim Aus – oder Einsteigen in dieser ausgerutscht und hatte mir den Kopf heftig angestoßen? Das musste es sein! Definitiv. Denn anders war das nicht zu erklären.
Verwirrt drehte ich mich wieder zu dem von mir offensichtlich eingebildeten Schauspieler und schüttelte lachend den Kopf – über mich selbst, wohlgemerkt. Vielleicht hätte ich nicht die ganze Flasche Wein leer trinken sollen, zumal die Hitze des Wassers den Rausch nur verschlimmerte. Dennoch schaute ich den leicht grinsenden jungen Mann vor mir genauer an, um zu verstehen, weshalb ich mir ausgerechnet ihn vorstellte, wenn ich denn schon träumte. Warum gerade er? Sonst war er mir doch auch bisher nie aufgefallen. Nicht wirklich zumindest. Ich kannte sein Gesicht eigentlich nur aus Fernsehen und Zeitungen. Dennoch schien sein Äußeres durchaus eine gewisse Wirkung auf mich zu haben, was vermutlich nur am Wein lag, aber immerhin.
Seine dunklen Haare waren leicht verwuschelt und lagen nicht mehr so, wie er sie wahrscheinlich sonst immer trug. Doch mir gefiel das. Denn dadurch sahen sie nur noch weicher und glänzender aus, als sie es ohnehin taten. Das Braun seiner Augen schien unbeschreiblich tief und unerwartet warm – ein wirklich schönes Haselnussbraun. Die zartrosa Lippen hatten eine wunderschöne Form, sahen einladend und voll aus, ungewöhnlich für einen Mann. Ein leichter Bartschatten lag auf seinem ausgeprägten Kiefer. Es gefiel mir. Himmel, er gefiel mir! Nun gut, er war ja auch meiner eigenen Fantasie entsprungen, wieso sollte er mir also nicht gefallen?
»Sag mal, starrst du fremde Männer immer so lange an, während du nur in einem Handtuch eingewickelt und immer noch tropfnass vor ihnen stehst?«
Aus meiner Sckockstarre befreit stutzte ich kurz. Was fragte er da? Das war aber äußerst unhöflich von ihm. Warum sollte ich um Himmels Willen solch einen Traum haben? Und überhaupt... Wieso hatte ich gerade das Gefühl, dass das alles viel zu real schien?
»Ich rede mit dir, Bambi! Wurdest du etwa ohne Stimmbänder geboren oder was stimmt mit dir nicht? So zu starren ist unhöflich, hat man dir das denn nicht beigebracht?«
Verwirrt blinzelte ich ein paar Mal verloren vor mich hin, versuchte mich zum Aufwachen zu zwingen, denn dieser Traum nahm gerade Formen an, die ich definitiv nicht mochte. Nein, kein bisschen sogar. Es sollte jetzt bitte aufhören, denn irgendwie war es mir langsam unangenehm, also sah ich hinunter auf meine Hand, die sich immer noch an das Handtuch an meinem Körper klammerte und zwickte einmal kurz in sie hinein.
»Au«, zischte ich verwundert, sah zu dem unfreundlichen Schauspieler und dann wieder zu meiner Hand. Erneut zwickte ich in sie hinein, diesmal viel kräftiger, wobei ich sogar die Haut etwas zwischen Daumen und Zeigefinger herumzwirbelte. »Au, verdammt!«, entkam es mir ungehalten, ehe ich den Blick wieder hob und sich Panik in mir ausbreitete.
»Du träumst nicht, Kleines. Viel eher blamierst du dich gerade«, sagte er, während sich ein schrecklich überhebliches Grinsen auf das berühmte Gesicht schlich und ich einen Schrei zu unterdrücken versuchte. Was zum Teufel – ? Das konnte nicht sein, nein, er konnte nicht wirklich vor mir stehen, nicht in meinem Haus, nicht hier, nicht jetzt, nicht bereits die ganze Zeit schon, als ich ihn so angestarrt hatte, während ich halbnackt vor ihm stand. Nein! Nein, verflucht, das musste ein idiotischer Albtraum sein und ich würde gleich – ja, in wenigen Sekunden – endlich aufwachen.
»Mark hatte mich ja bereits vor dir gewarnt, aber dass du so schwer von Begriff sein würdest, das hatte er nicht erwähnt.« Was? Er kannte Mark? Meinen Mark?
Schnappatmung setzte bei mir ein und ich hielt das Handtuch nur noch kräftiger um meinen Körper, als ich den Typen abermals musterte und den Schlüssel, der bis vor Kurzem noch meinen Freunden gehört hatte, in seiner rechten Hand entdeckte. Was sollte das werden? War das ein schlechter Scherz? Ich verstand kein Wort, begriff tatsächlich nicht, was dieser Typ hier machte, wieso er den Schlüssel zu meinem Haus hatte und warum zur Hölle mich nicht endlich jemand von dieser Qual befreite und mich aufklärte.
»Jetzt mach dir nicht gleich ins imaginäre Höschen, Bambi. Ich bin ab heute dein neuer Mitbewohner.«

2
Holly

Noch immer stand ich sprachlos vor diesem selbstgefällig grinsenden Schauspieler, während der sich ausgiebig die Zeit nahm, mich von Kopf bis Fuß zu mustern. Sein undefinierbarer Blick löste eindeutiges Unbehagen in mir aus und ich schluckte hart, als ich versuchte meine Stimme – und vor allem meine Würde – wiederzufinden. Räuspernd versuchte ich die Aufmerksamkeit seiner Augen auf mein Gesicht zu lenken, doch damit wurde sein Grinsen nur noch breiter und mich verließ der Mut.
»Was ist, Bambi? Willst du mich irgendetwas fragen?«
Ungeachtet dessen, dass ich tatsächlich etwas fragen wollte, ja, ich hatte sogar gerade tausende Fragen, die in meinem mittlerweile schmerzendem Schädel schwirrten – Wie kam dieser Kerl überhaupt darauf, mich Bambi nennen zu dürfen? Hatte das irgendeinen tieferen Sinn? Sah ich etwa aus wie ein scheues Reh oder musste gerettet werden? Wahrscheinlich war das in diesem Moment tatsächlich der Fall, aber das gab ihm dennoch nicht das Recht, mich so zu nennen, dieser... dieser aufgeblasene... Esel! Jawohl, ein blöder Esel war er.
»Wärst du vielleicht so gnädig und könntest mir das alles mal genauer erklären? Ich meine, du tauchst hier auf, brichst einfach in mein Haus ein und dann bist du auch noch so dreist, mich für dumm zu verkaufen? Meine Freunde würden mir das sicherlich vorher sagen, wenn sie jemandem den Schlüssel gegeben hätten und der Meinung wären, es wäre der perfekte neue Mitbewohner für mich. Also schieß los und lass hören, was du hier wirklich treibst«, brach es nun doch aus mir heraus. Die Wut über sein Verhalten und dieses anhaltend überhebliche Grinsen auf seinen Lippen ließ das bisschen Mut wiederkehren, das ich besaß, und so verschränkte ich provokant und erwartungsvoll die Arme vor der Brust und wartete auf eine Erklärung von ihm.
»Wie schön, dass es den wundervollen Konjunktiv gibt, nicht wahr?«, fragte er unbeeindruckt und musterte mich weiter. »Ich könnte es dir zwar erklären, aber... Naja, was hätte ich denn dann davon?« War das sein Ernst? So langsam machte der Kerl mich echt wütend. Und auch wenn ich immer noch durcheinander und verwirrt war, so kehrte schleichend die Sicherheit in meine Knochen zurück und ich durchbohrte ihn mit meinem Blick, sah ihn auffordernd an, damit er mich endlich aufklärte und nicht dumm sterben ließ. »Was denn? Bin ich etwa die Auskunft?«, lachte er mich aus, »Wenn dir deine Freunde nichts erzählen, kann ich wohl kaum etwas dafür. Also, wenn du auf jemanden sauer sein willst, dann sicherlich nicht auf mich. Ich kann nichts dafür, dass du hier so unwissend rumstehst. Wenn du wissen willst, was das alles soll, dann ruf doch einfach Mark an und klär das mit ihm. Ich such in der Zeit mein Zimmer und pack ein bisschen aus.«
Der Schauspieler setzte ein selbstgefälliges Grinsen auf, ließ mich meinen Mund fassungslos auf – und wieder zuklappen, ehe er einfach an mir vorbeiging, das Haus kurz verließ und nach wenigen Sekunden mit zwei Koffern wieder hereinkam.
»Und... vielleicht solltest du dir endlich etwas anziehen«, bemerkte er zwinkernd, nachdem er seinen Blick ein letztes Mal ausgiebig über meinen halbnackten Körper gleiten ließ.
»Och! Was denn? Beleidigt dich etwa mein Äußeres? Bist du Besseres aus Hollywood gewöhnt als das, du verwöhntes Muttersöhnchen?« Ich riss theatralisch die Arme hoch, da mich seine überhebliche Art langsam wirklich in den Wahnsinn trieb. Doch schon kurz darauf merkte ich an seinem erwartungsvollen Grinsen, dass hier irgendetwas nicht so lief, wie es sollte. Genüsslich lehnte sich der Typ wartend über das Geländer meiner Treppe und schaute zu, wie mein Handtuch plötzlich zu rutschen begann. Geschockt weitete ich die Augen, quietschte laut auf und schnappte panisch nach dem Frotteestoff, das beinahe nicht nur meine Brüste vor dem arroganten Idioten entblößt hätte. Himmel, das war knapp! Keuchend starrte ich an mir runter und kontrollierte mehrmals, ob auch tatsächlich noch alles bedeckt war und man nichts von mir erkennen konnte, was nicht für seine Augen gedacht war.
»Hm, schade! Gute Reflexe«, murmelte er leise lachend, nachdem ich seufzend aber erleichtert aufatmete und zu ihm hochsah.
»Arsch!«, knurrte ich flüsternd, so, dass er mich keinesfalls verstehen konnte und stampfte wütend in den Flur, um mir das verdammte Telefon zu schnappen. Mein Fass war nun wirklich kurz vorm Überlaufen und wenn ich von jemandem eine Erklärung zu erwarten hatte, dann war das tatsächlich Mark, da musste ich dem Eindringling leider Recht geben.
Schnaubend sah ich dem berühmten Sohn der Stadt nach, wie er einfach die Treppen hoch ins zweite Stockwerk ging und sich hier scheinbar längst Zuhause fühlte. Anders war es sicherlich nicht zu erklären, woher er wissen sollte, dass sein Zimmer oben war. Wie konnte man nur so unhöflich und verzogen sein? Ich dachte immer, er hätte wenigstens etwas Anstand. Zumindest kam es im Fernsehen immer so rüber, wenn einmal ein Interview von ihm gesendet wurde. Doch das kam wohl davon, wenn Einem zu oft und über einen viel zu langen Zeitraum der Arsch geküsst wurde.
Zähneknirschend lauschte ich dem Tuten am anderen Ende, als ich das Licht in Marks ehemaligem Zimmer angehen sah. Er hatte es also tatsächlich gefunden, unfassbar. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie schnell er es sich dort bequem machen würde und seine Klamotten überall liegen ließ, so wie Mark es immer getan hatte. Doch bei ihm kümmerte es mich nur sehr wenig, denn schließlich war er mein Freund. Und ich wollte nicht pausenlos darüber nörgeln. Doch bei diesem Esel? Der sollte sich wagen, Chaos in meinem Haus zu stiften!
»Hallo? Holly, bist du das?« Marks verschlafene Stimme meldete sich vom anderen Ende der Leitung und ich schnaubte wütend.
»Ja, sicher bin ich das. Wer sollte denn sonst von meiner Festnetznummer anrufen, hm? Etwa dein berühmter Kumpel?« Ich war dermaßen aufgebracht, dass ich mich kaum beherrschen konnte. Wie konnte mir Mark das nur antun? Weshalb hatte es nichts gesagt? War es Absicht? Und wusste Sally davon?
»Bitte? Was redest du da, sag mal? Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«, fragte Mark pikiert.
»Pah! Wie spät, fragst du?«, schrillte meine Stimme so laut durch den Hörer, dass ich meinen Freund förmlich das Gesicht verziehen sah. »Ich fürchte, es ist fünf vor Zwölf, mein Lieber! Wie zum Teufel kommst du auf den herrlichen Einfall, irgendeinem Irren meinen Hausschlüssel zu geben?«, purzelten die Worte ungehalten aus mir heraus.
»Was? Wieso? Welcher Irrer?« Er hielt kurz inne, brauchte einen Moment, um zu verstehen, was mein Problem war und dann hörte ich ihn tief seufzen. »Oh man! Shit! Nathan ist tatsächlich bei dir?«, fragte Mark leise, beinahe schon vorsichtig, als würde ich ihn gleich durch das Telefon hindurch erwürgen. Würde ich sicherlich auch, wenn das ginge.
»Dieser Esel ist vor wenigen Minuten einfach in mein Haus geschneit gekommen«, erklärte ich entnervt, während Mark erneut seufzte. »Ohne eine Vorwarnung stand er dann plötzlich in meinem Wohnzimmer, während ich aus der Badewanne schlich, weil ich dachte, mich will jemand ausrauben! Oder gar entführen!«, zischte ich unkontrolliert, während ich die Treppen rauf ging. Ich wusste, ich neigte hin und wieder dazu, die Tatsachen etwas zu dramatisieren. Egal, Mark hatte es verdient.
»Was? Oh man, nein, nein, nein! Shit!«, fluchte mein bester Freund lautstark. »Mist, Holly, es tut mir ehrlich so leid, das ist alles nur meine Schuld«, stammelte Mark, während ich in mein Zimmer ging, den ungebetenen Gast gekonnt ignorierend, und die Tür hinter mir schloss. »Ich hab völlig vergessen dir vorhin Bescheid zu sagen«, stöhnte Mark und ich fischte in meinem Schrank nach einem Unterhemd.
»Was meinst du? Was soll das heißen, du hast es vergessen?«, blaffte ich ihn leise an, wollte nicht, dass der Idiot von Nebenan alles mithörte.
»Nathan brauchte dringend eine Bleibe und – «
»Und da hast du ihm einfach deinen alten Schlüssel für mein Haus gegeben?«, fragte ich fassungslos, während ich nach einer Jogginghose in meinem Schrank suchte.
»Ja. Naja. Nein. Nicht ganz.« Was denn nun? Ich brauchte jetzt dringend eine Erklärung für das alles.
»Ich wusste nicht, dass er das tatsächlich durchzieht und schon gar nicht so schnell, daher dachte ich, ich habe noch etwas Zeit, es dir zu erklären«, gestand mein Freund zerknirscht und ich dachte kurz über seine Worte nach. Was war es, das dieser Davis durchgezogen hatte und wieso musste das so schnell gehen? War er etwa auf der Flucht? Ich verstand nur Bahnhof.
»Ehrlich, das tut mir so schrecklich leid, Holly. Ich hätte es dir sofort sagen sollen, nachdem mich Nathan gefragt hatte. Aber… Ich dachte echt nicht, dass er überhaupt ernst machen und zurück nach Grand Falls kommen würde.« War das sein Ernst? Worum ging es hier eigentlich?
»Erstens, du hättest es mir nicht erst danach sagen sollen, sondern mich vorher um Erlaubnis fragen, du Idiot! Ich kenne diesen Typen doch gar nicht, verdammt!«, knurrte ich wütend, war aber noch lange nicht fertig mit meiner Predigt, »Und da wären wir auch schon bei Zweitens. Wieso zum Teufel hast du mir all die Jahre verheimlicht, dass dieser berühmte Esel einer deiner Freunde ist, Mark? Warum wusste ich nichts von eurer Freundschaft? Ich komme mir echt vor, wie der letzte Vollidiot, weißt du das eigentlich?« Ich fühlte mich belogen. Vor allem aber verletzt. Traute mir Mark etwa nicht? Und was war mit Sally? Wusste sie von all dem?
»Ich weiß, wie du dich nun fühlen musst, Holly. Und es tut mir leid. Wirklich! Ich verstehe dich voll und ganz. Dennoch konnte ich dir nie davon erzählen, bitte glaub mir. Es war nicht meine Entscheidung. Nathan wollte nicht, dass auch nur irgendetwas von seinem Privatleben in Grand Falls nach außen getragen wird. Die Presse schläft nie, verstehst du? Es war zu seinem Schutz. Oder eher sogar zu deinem.« Ernsthaft? War dieser Kerl denn tatsächlich so gefragt, dass man ihn und somit auch seine Umwelt vor ihm und seinem Ruhm schützen musste? Ich konnte es kaum glauben. Dennoch vertraute ich meinem besten Freund natürlich und verstand ihn gewissermaßen.
»Okay«, atmete ich einmal tief durch, um meine Sinne wieder ordnen zu können, »Unabhängig davon, dass ich dir das noch irgendwann heimzahle, dass du mich nicht vorher um Erlaubnis gefragt hast, was soll ich jetzt mit diesem Kerl anstellen?«, fragte ich leicht hysterisch, während ich versuchte, mir die Hose überzustreifen.
»Na, das, was du auch immer mit uns angestellt hast, als wir zusammen gewohnt haben«, erwiderte Mark trocken. Verstand er denn nicht, dass ich seinen sogenannten Kumpel jetzt schon nicht ausstehen konnte? Himmel, dieser Spinner war so schrecklich selbstverliebt. Wie konnte Mark das nicht sehen?
»Ich kenne diesen Idioten nicht einmal! Außerdem ist er mir nicht nur fremd, sondern auch noch ziemlich unsympathisch, also schaff ihn hier gefälligst so schnell es geht wieder raus«, raunte ich wütend. Auf keinen Fall würde Davis mein neuer Mitbewohner werden. Nur über meine Leiche!
»Oh Holly«, hörte ich Mark müde seufzen, während ich immer wieder zur geschlossenen Tür schielte, damit niemand reingeplatzt kam, während ich mir meinen BH einhändig anzog. »Du musst nicht immer alle Menschen sofort verurteilen, nur wenn sie dir nicht in den Kram passen. Gib ihm eine Chance«, predigte mein Freund, während ich mir schnell das Unterhemd überzog.
»Eine Chance? Dein Ernst? Weißt du eigentlich, wie überheblich dieser Kerl ist? Da wird Einem ja direkt schlecht«, schnaubte ich verächtlich, während ich mich im Spiegel betrachtete. So scheiße sah ich doch eigentlich gar nicht aus, dass dieser Esel mich lieber angezogen als halbnackt sehen wollte. Ich war weder zu groß noch zu klein, war nicht unförmig gebaut, nicht dick und trotzdem weiblich, hatte keine Cellulite – okay, kaum – und über meine Brüste konnte ich mich auch nicht gerade beschweren. Tat auch sonst bisher niemand. Was passte ihm also nicht an mir?
»So ist er nicht, Holly, glaub mir. Kein bisschen sogar. Vielleicht ist er ja nur anderen Menschen gegenüber etwas distanziert und vorsichtig. Aber wenn man ihn einmal kennt, dann – « Ich wollte ihn aber nicht kennen!
»Vergiss es, Mark! Ich will den so schnell es geht wieder hier raus haben, hörst du?« Mein Freund schwieg. »Mark? Ich mein es ernst! Ich halte diese Selbstgefälligkeit dieses Typen keinesfalls länger als ein paar Tage aus, also lass dir was einfallen!«, zischte ich drohend.
»Ist ja gut. Ich mache mir mal Gedanken. Und solange... Versuch ihn kennen zu lernen und gib ihm einfach eine Chance, er ist anders als du denkst«, lenkte mein Freund ein und ich kapitulierte – wenn auch nur ungern.
»Ich garantiere für nichts, echt nicht. Aber wenn er sich weiterhin so aufführt wie vorhin, dann... Gnade ihm Gott, ehrlich.« Und das meinte ich auch so! Ich konnte ebenso eklig und unausstehlich sein, wenn ich wollte.
»Ich weiß«, lachte Mark amüsiert, »Lass ihn trotzdem am Leben, Holly. Auch wenn es dir schwer fällt.« Bla, bla, bla! Von wegen schwer – es war beinahe unmöglich, falls er sich weiterhin wie ein Arsch aufführen würde.
Vorsichtig öffnete ich meine Zimmertür und lugte in den Flur hinein, während Mark mich am Telefon weiter zu bekehren versuchte. Vom Schauspieler war Gott sei Dank nichts zu sehen. Nur das sanfte Licht der Standleuchte im Wohnzimmer schien durch den Flur im unteren Stockwerk und ich vermutete, er hatte es sich auf meiner Couch gemütlich gemacht. Seine Zimmertür stand zumindest offen, jedoch schien darin kein Licht. Neugierig schlich ich mich auf leisen Sohlen die Treppen hinunter, während mir Mark noch immer das Ohr darüber abkaute, wie wichtig ihm doch seine Freundschaft zu Davis und mir war. Ich hörte kaum noch zu. Viel eher interessierte mich, was dieser Eindringling von Schauspieler in meinem Haus so trieb. Der würde doch wohl nicht einfach an meinen Kühlschrank gehen und sich bedienen, oder?
»Holly?« Erschrocken zuckte ich zusammen. Doch es war nur Mark, der am Telefon meine Aufmerksamkeit verlangte.
»Hm?« Ich bog um die Ecke und schielte vorsichtig ins Wohnzimmer, fand dort allerdings niemanden vor.
»Du weißt, ich hab dich lieb und würde dir niemals einen Idioten ins Haus holen, oder?«
Ich presste die Lippen aufeinander. »Ich weiß.« Natürlich wusste ich das, Mark war schließlich mein bester Freund. Er kannte mich und konnte zusammen mit Sally wohl am besten einschätzen, was gut für mich war und was nicht. Ich vertraute ihnen blind und daher hatte ich keine andere Wahl, als diesen Schauspieler in meinem Haus zu akzeptieren. Zumindest vorerst.
»Du solltest jetzt wieder schlafen gehen, Mitchell. Wir sehen uns spätestens übermorgen«, sagte ich mit einem versöhnenden Lächeln auf den Lippen. Auch wenn ich wusste, Mark würde es nicht sehen können.
»Ist gut, Sanders. Und nochmal... Es tut mir wirklich leid, ehrlich!«
Kopfschüttelnd grinste ich über meinen Freund und sah zur offenstehenden Terrassentür. War Nathan – oder Nathaniel? Wie auch immer! – etwa draußen? Bei dieser Kälte? War der Typ irre?
»Gute Nacht, Kleine. Und lass dich nicht ärgern.« Haha, wirklich wahnsinnig witzig!
»Gute Nacht, Großer«, verabschiedete ich mich von meinem Freund und legte auf, ehe ich zur Terrasse schlich und versuchte in der Dunkelheit der Nacht etwas zu erkennen. Herrgott, war das eiskalt. Frierend rieb ich mir die Arme, als mir plötzlich jemand von hinten auf die Schulter tippte.
»Suchst du etwa mich, um dich bei mir zu entschuldigen?« Bitte, was?!
Zornig drehte ich mich zu dem blöden Esel um und starrte ihm Löcher in den Kopf. Was für ein aufgeblasenes Arschloch war er bitteschön? Der hatte doch den Schuss nicht gehört, dieser dämliche Volltrottel!
»Immerhin hast du endlich etwas an«, stellte er grinsend fest, als ich sichtlich wütend meine Fäuste ballte. »So kann ich dich wenigstens etwas mehr ernst nehmen.« Das reicht! Noch ein Spruch und ich würde verdammt nochmal Feuer spucken – ganz sicher sogar.

3
Holly

Gerädert und mit starken Kopfschmerzen schleifte ich mich mühevoll aus dem Bett. Die ganze Nacht hatte ich kein Auge zugetan, denn wie sollte man auch schlafen können und sich entspannen, wenn man wusste, dass nebenan ein wildfremder Mann lag, der dazu auch noch unausstehlich war? Nicht nur, dass ich mir seltsam vorkam und unsicher war, nur ein Zimmer neben seinem in meinem Bett zu liegen, meine Gedanken wollten auch einfach nicht still stehen. Keine einzige Minute Ruhe gönnte mir mein brummender Schädel, denn ich musste ständig daran denken, wie unverfroren mich dieser Typ gestern Abend angestarrt hatte. Okay, ich hatte angefangen, aber doch nur, weil ich dachte, ich würde träumen.Ich war froh, dass ich gestern Abend nicht weiter auf seine Provokationen eingegangen war und mich dann recht schnell auf mein Zimmer verdrückt hatte. Denn ein paar Minuten länger mit ihm in einem Raum und ich hätte nach meiner Axt gesucht. Keine Ahnung, warum Mark der Meinung war, Nathan wäre eigentlich ganz anders und ein netter Kerl. Von wegen! Dieser arrogante Mistkerl war unhöflich, hatte absolut keinen Anstand und noch dazu schien es ihn mächtig zu belustigen, mich ständig und immer wieder auf die Palme zu bringen. Das Funkeln in seinen haselnussbraunen – und leider durchaus sehr schönen – Augen war schlicht verräterisch. Es amüsierte ihn, wenn er bemerkte, dass ich mich zusammenreißen musste, um meine Würde und die Kontenance zu bewahren.
Meine Güte, hatte ich Kopfschmerzen! Stöhnend griff ich mir an die Stirn. Dank der Helligkeit, die durch das Fenster ins Innere meines Zimmers drang, kniff ich gequält die Augen zusammen und stolperte halb erblindet durch den Flur in Richtung Badezimmer. Kurz warf ich einen Blick auf die geschlossene Zimmertür meines neuen – aber eindeutig ungewollten – Mitbewohners und versicherte mich, dass dieser noch schlief. Sicher konnte ich mir zwar nicht sein, doch ich nahm nicht an, dass Mr. Hollywood Frühaufsteher war. Garantiert nicht.
Seufzend legte ich meine Hand auf die Türklinke und öffnete schwungvoll die Badezimmertür, bevor ich meine zusammengekniffenen Augen vollständig öffnete und meiner Kehle augenblicklich ein kurzer, wenn auch sehr lauter Schrei entwich.
»Klopfst du denn nie an, wenn du Besuch oder Mitbewohner hast? Was sind das denn für Manieren, sag mal?«, fragte mein Gegenüber prompt, dessen Grinsen eher schief wirkte, da eine elektrische Zahnbürste in seinem Mund steckte, die seine ohnehin schon perfekten Zähne blitzeblank polierte.
Ein tiefes, abweisendes Grummeln verließ meine Lippen, ehe mein Blick unausweichlich an seinem Gesicht, bis hin zu seinem Hals runter glitt und an seinem nackten Oberkörper festgetackert blieb. Herr im Himmel, hilf!
Ich hoffte zu träumen, hoffte, es wäre ein böser, ja, sehr fieser Traum, aus dem ich gleich erwachen würde. Aber nein, ich bemerkte schnell, dass es die pure Realität war, die mir in Form seiner perfekten Bauch- und Brustmuskeln entgegengepeitscht wurde. In your face, Sanders!
Ernsthaft jetzt? Musste dieser Mistkerl auch noch so verdammt gut gebaut sein? Ich konnte es nicht fassen. Das Universum war manchmal scheiße ungerecht!
»Es ist unverschämt, wenn man immer nur wie ein Stück Fleisch angestarrt wird«, meinte Nathan selbstsicher. Weniger vorwurfsvoll, mehr geschmeichelt. Und doch riss ich sofort meine Augen von seinem Oberkörper los, schüttelte kurz den Kopf, auch wenn das die Kopfschmerzen verschlimmerte, und räusperte mich umständlich.
»Wer hätte auch erahnen können, dass der Prinz längst wach ist und sich in meinem Badezimmer die hübschen Zähnchen putzt«, erwiderte ich so trocken wie es nur ging und hob herausfordernd eine Augenbraue, während ich das Bad betrat, statt es wieder zu verlassen. Schließlich war es immer noch mein Haus, in dem er sich befand. Und wenn er schon nicht abschließen konnte, dann war es ihm vermutlich egal, ob ich mich gleichzeitig mit ihm in diesem Raum aufhielt. Es hätte ihm klar sein müssen, dass ich reinplatzen könnte. Wenn er dann auch noch so dreist war, sich dennoch kein Shirt überzuziehen, juckte es mich nicht die Bohne, was er von mir oder über mich dachte. Selbst Schuld!
»Bist ja doch gar nicht so scheu, wie ich anfangs dachte«, sagte er grinsend und sah mich durch den Spiegel auffordernd an, nachdem ich mir aus dem Spiegelschrank eine Kopfschmerztablette genommen hatte. »Hast du dir etwa die ganze Nacht dermaßen dein hübsches Köpfchen über mich zerbrochen?« Nathan warf einen Blick auf die kleine Tablette in meiner Hand, ehe ich meinen Zahnputzbecher nahm, ihn mit etwas Wasser füllte und die weiße Pille mit einem Schluck herunterschluckte.
»Mein hübsches Köpfchen hat sicherlich besseres zu tun, als sich über dich Gedanken zu machen«, konterte ich leicht gereizt und versuchte seinen nackten Oberkörper zu ignorieren. »Beeil dich mal lieber ein bisschen, ich muss noch unter die Dusche und danach Einkaufen fahren. Wir haben nämlich nichts zum Frühstücken. Ach und übrigens, du zahlst heute!« Ich setzte mir ein Lächeln auf, das so unecht und falsch war, dass sogar jemand wie er es bemerken sollte. Doch anstatt darauf etwas zu erwidern, grinste er erneut, diesmal amüsierter denn je und putzte sich seelenruhig weiter die Zähne. Himmel, irgendwann mussten die doch durchgeschrubbt sein, so lange und ausgiebig, wie er die Bürste über sie hinweg schob.
Schnaubend verließ ich das Badezimmer und suchte mir etwas zum Anziehen raus, um danach duschen gehen zu können. Ich war froh, dass mein neuer Job im Rathaus erst in zwei Wochen starten würde. So hatte ich noch ein wenig Zeit, um mir klar zu werden, ob ich das alles überhaupt wollte. Verwaltung und Organisation lag mir zwar, doch ich war unsicher, ob es auch wirklich das war, was mir gefiel, was mir Freude bereitete. Ich bezweifelte es jetzt schon. Dabei wusste ich noch gar nicht, welche Aufgaben ich bis zu meinem Studienbeginn im Frühjahr des kommenden Jahres übernehmen sollte. Vielleicht machte es mir ja doch Spaß und ich könnte den Job auch während des Studiums halbtags machen. Geld verdienen musste ich schließlich irgendwie, wenn ich bis dahin keinen geeigneten neuen Mitbewohner fand. Davis konnte sich jedenfalls abschminken, dass er auf Dauer hier bleiben konnte. Keine zehn Pferde würden mich dazu bringen, mit ihm zusammen zu leben. Mark hatte exakt sieben Tage, um diesen Schmarotzer hier herauszuschaffen. Keinesfalls mehr! Überhaupt, warum suchte sich dieser selbstverliebte Esel nicht einfach etwas anderes? Schließlich musste er mehr als genug auf der hohen Kante liegen haben, um sich ein eigenes Haus leisten zu können. Von mir aus auch eine ganze verdammte Villa, Hauptsache er verschwand wieder dorthin, wo er hergekommen war.
»Das Bad ist jetzt frei, Bambi. Kannst rein.« Was sollte der Spitzname ständig? Konnte er sich meinen richtigen Namen nicht merken oder was sollte das immer? Leise knurrte ich vor mich hin und bemerkte zu spät, dass der Typ plötzlich lässig in meinem Türrahmen lehnte und mich belustigt anstarrte. Ich hasste es, wenn er so überlegen grinste. Was dachte er eigentlich, wer oder was er war? Der gottverdammte Messias?
»Was?«, kläffte ich wütend, »Was ist jetzt schon wieder?«
»Nichts«, erwiderte Nathan noch breiter grinsend, »Ich finde nur, du siehst müde aus. Ziemlich fertig, um genau zu sein.« Sein Ernst? Vielleicht sah ich nach dem Aufstehen ja immer so aus. Blödmann, dämlicher!
Wortlos stampfte ich an ihm vorbei, betrat das Bad und schloss sofort hinter mir ab. Zwar wusste ich, ich hätte ihm besser Paroli bieten sollen, doch ich wollte mich keinesfalls auf dasselbe Niveau begeben, auf dem er offensichtlich festgewachsen war. Nachdenklich entledigte ich mich meiner Sachen und blickte noch einmal in den Spiegel. Sah ich denn wirklich so schrecklich aus, dass er mich deswegen auch noch aufziehen musste? Nein, eigentlich nicht. Ich war zwar sicherlich kein Model und perfekte Maße hatte ich erst recht keine, doch ich fand mich schon immer recht passabel. Doch die fetten, dunklen Ringe unter meinen Augen gaben ihm leider Recht. Ich sah tatsächlich ziemlich fertig aus heute.
Seufzend stellte ich mich unter die Dusche und ließ erst einmal kaltes Wasser auf mich hinab prasseln. Das kurbelte schließlich den Kreislauf an und verhinderte Cellulitis. Und außerdem wollte ich damit auch ein klein wenig meine Wut in den Griff bekommen und mich entspannen – meine innere Mitte wiederfinden, die ich seit gestern Abend irgendwo zwischen Flur und Wohnzimmer verloren hatte. Eine ganze Weile ließ ich das Wasser meine pochenden Kopfschmerzen lindern, ehe ich nach einer gefühlten Ewigkeit aus der Dusche stieg und mich abtrocknete.
Es war ein seltsames Gefühl zu wissen, man war nicht mehr allein in diesem Haus. Daher beeilte ich mich diesmal mit dem Anziehen, föhnte meine Haare nur ein wenig an, damit sie nicht zu nass waren und sah dann wieder in den Spiegel. Ein wenig schminken? Würde das helfen? Zumindest meine Augenringe würden dann verschwinden und ich würde frischer wirken, nicht mehr ganz so blass, müde und ausgelaugt. Und ja, ich wollte dem aufgeblasenen Idioten zeigen, dass ich eben nicht immer so scheiße aussah wie vorhin.
Wenige Minuten später sah ich bereits einem deutlich freundlicheren Gesicht im Spiegel entgegen. Mein Teint wirkte ebenmäßig und frisch, die Augen waren dank der Mascara leicht betont und etwas – wirklich nur ein klitzekleines bisschen – des Schimmers meines Lipglosses lag auf meinen Lippen. Unsicher strich ich die zartrosa Seidenbluse zurecht, zupfte noch einmal kräftig an meiner Jeans, kämmte mir noch einmal mit ein paar Fingern durch die noch leicht feuchten Haare und verließ selbstsicher und mit erhobenen Hauptes das Badezimmer.
Im Gang war niemand zu sehen, doch da die Zimmertür des Schauspielers offen stand, vermutete ich ihn bereits unten. Just in diesem Moment schlich sich ein angenehmer und ziemlich verführerischer Kaffeeduft in meine Nase, dem ich wie in Trance folgte. Ich liebte Kaffee. Ja, nichts war an einem Morgen schöner als eine frische, heiß aufgebrühte Tasse Kaffee.
Kaum war ich unten angekommen, erkannte ich Nathan tatsächlich auf einem Stuhl am Esstisch sitzen, in der Hand eine ausgebreitete Zeitung. Nein, ich hatte sicherlich keine Halluzinationen, der Typ saß tatsächlich dort und las seelenruhig eine ganz normale Zeitung. Eine Zeitung! Kein Boulevardblatt oder irgendein Schmuddelheft. Nein, es war eine ganz normale, sehr politische Zeitung, die ich schon vor Jahren abonniert hatte. Hey, Moment mal! Ich hatte sie abonniert. Es war meine Zeitung, verdammt! Was fiel ihm ein, einfach an meinen Briefkasten zu gehen?
»Das hat ja Ewigkeiten gedauert, Bambi! Musstest du etwa noch – ?« Sein aufgesetztes, arrogantes Grinsen erstarb für einen kurzen Augenblick, als er sich zu mir umdrehte und mich leicht verwundert musterte. Jaha! Sieh es dir nur an, du aufgeblasener Esel! Ich kann auch anders, wenn ich will!
»So! Ich denke, ich fahr dann mal Einkaufen. Wenn du irgendetwas Spezielles brauchst, musst du es dir selbst holen. Ich spiele sicherlich nicht dein Hausmädchen und kaufe auch nur das, was ich ohnehin brauche und esse.« Ich grinste triumphierend, während er mich immer noch neugierig musterte. Doch bevor ich mich umdrehen und gehen konnte, um vor allem meinen kleinen Sieg auszukosten, räusperte er sich plötzlich, zog die riesig ausgebreitete Zeitung zur Seite und machte meinen Augen Platz auf einen längst gedeckten, vollbepackten Tisch mit frischen Brötchen, Croissants und sämtlichen Wurst- und Käsesorten. Selbst Marmelade und Butter standen auf dem Tisch, samt Tellern, Besteck und zwei Gläsern mit offensichtlich frisch gepresstem Orangensaft und zwei Tassen Kaffee.
Fassungslos starrte ich ihn an, versuchte zu verstehen, was hier los war und wie das ganze Zeug auf meinen Esstisch gelangen konnte, während ich doch nur ein paar Minuten unter der Dusche war. Schließlich wusste ich, dass mein Kühlschrank noch gestern Abend gähnende Leere versprühte und gefüttert werden wollte. Woher kam also das ganze Zeug? Und überhaupt, wie zum Teufel – ?!
»Ich wollte nicht verhungern, bis du dich mal irgendwann aus dem Bett schälst und duscht, also bin ich bereits heute früh nach dem Joggen einkaufen gewesen.«
Nathan zuckte breit grinsend mit den Schultern, als er sah, dass mir unweigerlich der Mund aufklappte. War das sein Ernst? Er war einkaufen? Er, der verfluchte Hollywood Star? Ich war perplex und vollkommen überrumpelt. Mein zuvor errungener kleiner Sieg wog nicht einmal im Geringsten so viel wie der, den er gerade einfuhr. War das etwa geplant von ihm? Wollte er mich damit beeindrucken? Oder gar besänftigen? Ich traute dem Braten kein bisschen.
»Setz dich, der Kaffee wird sonst kalt.« Er lächelte selbstgefällig, als er die Zeitung sorgsam wieder zusammenfaltete und sich dem ziemlich aufwendig dekorierten Frühstück zuwendete. Skeptisch und stumm setzte ich mich ihm gegenüber und betrachtete den Tisch. Die Brötchen lagen in ihrem Brotkorb, ebenso wie die Croissants. Die Milch hatte er in ein kleines Kännchen gefüllt, das exakt dafür vorgesehen war. Servietten lagen neben unseren Tellern bereit. Selbst zwei Eier hatte er extra gekocht, die nun in den von meiner Granny geerbten kleinen Eierbechern standen und abkühlten. Ich blinzelte unkontrolliert. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Das Besteck lag sorgfältig und nach Knigge-Art neben dem Teller und schien poliert – nein, das bildete ich mir sicherlich ein! –, genau wie die beiden Gläser, in denen der frisch gepresste Orangensaft – wo hatte er denn bitteschön meine alte Saftpresse ausgegraben? – regelrecht nach mir rief. Herrgott, was zum Teufel war der Typ bitte? Superman?
Ich konnte nicht fassen, dass er nicht nur ganz von allein einkaufen war, sondern sich auch noch so perfekt in meinem Haushalt zurecht zu finden schien, dass ich eine Gänsehaut bekam. Irgendwie war das gruselig, wenn auch sicherlich beeindruckend. Eine Sache aber machte mich dann doch stutzig.
»Wie kommt es, dass du erst vorhin deine Zähne geputzt hast, wenn du doch eigentlich schon so lange wach bist, joggen und auch noch einkaufen warst?«, fragte ich skeptisch, dachte, ihm nun auf die Schliche gekommen zu sein, doch wieder einmal grinste er nur amüsiert.
»Ich putze sie mir mehrmals am Tag. Ist wohl eine kleine Marotte von mir.« Ich hasste ihn in diesem Moment. Jawohl, das tat ich! Wollte er mich eigentlich komplett verarschen?

4
Holly

Den Rest des gestrigen Tages bekam ich Nathan nicht mehr zu Gesicht. Weder hatten wir während des Frühstück miteinander gesprochen, noch danach irgendwann. Es schien ihn ohnehin nicht zu interessieren, mit wem er da eigentlich zusammenwohnte. Mir sollte es recht sein. Somit hatte ich endlich meine Ruhe vor ihm und seinen dummen Sprüchen und musste mich auch nicht weiter mit diesem Esel auseinandersetzen. Wenn es die nächsten Tage so weitergehen würde, könnte ich es durchaus ein wenig länger mit diesem Idioten unter einem Dach aushalten. Vor allem wenn er weiterhin für uns beide einkaufen fuhr – so wie er es auch heute wieder getan hatte.Fassungslos betrat ich auch an diesem Morgen meine Küche und fand den Schauspieler am Tisch vor, wieder mit einer Zeitung in der Hand. Das war doch wohl nicht jeden Tag seine Routine? Joggen, duschen, einkaufen, Frühstück zubereiten und dann in voller Ruhe Zeitung lesen. Welcher Mensch tat so etwas? Zumindest in diesem Jahrhundert. Himmel, wozu gab es das Internet?
»Guten Morgen.« Ich räusperte mich auffällig laut, um seine Aufmerksamkeit zu erhaschen, doch er las weiterhin seine Zeitung und schaute nicht einmal von ihr auf, um mich zu begrüßen.
»Morgen«, erwiderte Davis nur wortkarg, während ich mich unsicher an den gedeckten Tisch setzte und der köstliche Duft des frisch gekochten Kaffees in meine Nase kroch.
»Machst du das jetzt jeden Morgen?«, fragte ich neugierig, auch wenn ich eigentlich gar nicht mehr mit ihm reden wollte. Ich dachte, wenn ich ihn weiterhin ignoriere, so wie er seit gestern auch mich ignorierte, würde er es irgendwann ganz aufgeben mich zu ärgern. Blöd nur, wenn die eigene Neugier größer war als der Verstand.
»Was meinst du?«, erwiderte Nathan und schaute endlich von seiner Zeitung auf. Zum ersten Mal seit gestern Früh trafen sich unsere Blicke wieder und sofort schlich sich das wissende, unausstehlich überhebliche Grinsen zurück auf seine Lippen. Selbst Schuld, wenn du fragst, Holly!
»Das hier!« Ich deutete auf den gedeckten Tisch mit all seinen Leckereien, dem köstlichen Kaffee und dem frisch gepressten Orangensaft. Ich musste gestehen, im Zubereiten von Frühstück war der Typ weltklasse. Doch das würde ich niemals vor ihm zugeben.
»Was stört dich daran, Bambi?« Ernsthaft? Er fing schon wieder damit an? Mein Name war verdammt nochmal Holly! War der Typ schwer von Begriff oder was? »Andere Frauen wären glücklich, jeden Morgen so ein Frühstück serviert zu bekommen, weißt du?« Klar doch! Besonders, wenn es jemand wie er servierte, richtig? Genau das wollte er damit doch sagen! Natürlich war er attraktiv, das hatte ich auch nie bestritten. Doch mit seinem Aussehen dermaßen zu prahlen, ging absolut gar nicht.
Statt ihm zu antworten, griff ich beherzt zu und verschlang ein Croissant nach dem anderen. Sollte er doch von mir denken, was er wollte. Ich hatte ohnehin nicht vor, weiter Konversation mit ihm zu betreiben. Meine Neugier war längst verflogen und ich hätte es besser wissen müssen, dass ich von diesem Kerl keine vernünftige Antwort zu erwarten hatte. Daher bemühte ich mich nicht weiter, sondern aß stumm mein Frühstück und trank schön brav meinen Kaffee aus.
»Scheint dir ja zu schmecken«, bemerkte Nathan nach einer Weile und legte seine Zeitung beiseite.
Skeptisch hob ich eine Augenbraue und durchbohrte ihn mit meinem Blick. Was sollte das jetzt werden? Gestern hatte er doch auch nicht weiter mit mir reden wollen. Wieso also heute? Wortlos zuckte ich mit den Schultern und verschränkte schützend meine Arme vor der Brust. Der Typ war mir einfach nicht geheuer. Heute war er so, morgen wieder anders. Ich hatte keine Ahnung, was ich von ihm zu erwarten hatte, konnte ihn noch immer nicht so recht einschätzen. Deswegen blieb ich weiter auf der Hut, Freundschaft mit Mark hin oder her. Ich traute Davis keinen Meter.
»Du bist ein Einzelkind, richtig?« Was war das denn für eine dreiste Frage? Ich kannte den Ruf, den Einzelkinder hatten, jedoch sah ich mich keinesfalls so.
»Steht es mir auf der Stirn geschrieben?«, knurrte ich gereizt. Nathan lachte amüsiert. Und verdammt, ich mochte den Klang, wenn er lachte – auch wenn ich es nur äußerst ungern zugab.
»Das meinte ich damit nicht«, erklärte er besänftigend. »Ich meinte nur, du bist es offensichtlich nicht gewohnt, dass man solche banalen Dinge für dich tut. Haben Mark oder Sally denn nie Frühstück für dich gemacht?« Nein, das hatten sie in der Tat nie. Jeder stopfte sich morgens vor der Arbeit meist nur irgendwas hinein, war es noch so ungesund. Dass wir zu dritt gemeinsam am Tisch saßen, kam nur in den seltensten Fällen vor. Und genauso kannte ich es von Zuhause. Mom und Dad hatten selten Zeit für so etwas, also aß ich meist alleine auf meinem Zimmer. Außer irgendjemand hatte Geburtstag. Dann saßen wir nämlich ausnahmsweise mal an unserem großen Esstisch zusammen. Wenn ich so drüber nachdenke, war das irgendwie ganz schön traurig.
»Hast du denn Geschwister?«, fragte ich, um nicht weiter von mir reden zu müssen. Ich mochte es nicht im Mittelpunkt zu stehen und ausgefragt zu werden. Das war mir schon immer schrecklich unangenehm. Denn ich wusste, ich hatte nicht sehr viel vorzuweisen. Mein Leben war so spannend wie ein Buch mit leeren Seiten. Und genauso fühlte ich mich auch manchmal.
»Ich hab sogar drei«, antwortete Nathan, nicht ohne Stolz in seiner Stimme. Sein Grinsen wurde breiter – und vor allem weniger überheblich. Man sah ihm an, dass er glücklich über die Tatsache war. »Einen jüngeren Bruder und zwei ältere Schwestern. Außerdem bin seit knapp einem Jahr stolzer Onkel einer wundervollen, kleinen Prinzessin.« Nathans Lächeln schien zum ersten Mal echt. Und er sah damit unglaublich gut aus. Unverschämt gut sogar.
»Das Mädchen kann einem jetzt schon fast leidtun«, kommentierte ich, um meine Unsicherheit zu überspielen. Jedoch ging Nathan gar nicht erst darauf ein, sondern musterte mich eindringlich und viel zu breit grinsend. Was war denn bitteschön so lustig?
»Als was arbeitest du eigentlich? Ich meine, ich kann mir so gar nicht vorstellen, was du beruflich machst, du kleine Zicke.« Zicke? Ich würde ihm noch zeigen, was das heißt, wenn ich mal richtig zickig war.
Grinsend ließ sich Nathan ein Croissant mit Erdbeermarmelade schmecken, während er mich bohrend musterte. Eigentlich hatte ich so gar keine Lust, ihm zu antworten. Zumal ich nicht sonderlich stolz darauf war, dass ich zurzeit nichts zu tun hatte. Und vor allem nicht einmal wusste, was ich überhaupt einmal werden wollte. Als Kind träumte ich davon, Tänzerin zu werden. Doch schnell stellte ich fest, ich war weder sportlich noch besaß ich jegliches Taktgefühl. Daher blieb mir nichts anderes übrig als weiter zu träumen. Und momentan träumte ich von etwas, das ich ohnehin niemals tun könnte. Weder hatte ich das Kapital dafür, noch konnte oder wollte ich das Risiko tragen, das es mit sich bringen würde. Und zudem hatte ich schreckliche Angst davor. Ich hatte Angst, würde ich es wagen, würde ich die letzte Verbindung und ebenso die Erinnerungen an meine verstorbene Grandma verlieren.
»In zwei Wochen beginnt mein Job im Rathaus in der Verwaltung. Und ab nächstem Frühjahr studiere ich International Business am Grand Falls College of Sciences. Noch Fragen?«, erwiderte ich murrend und griff zum frisch gepressten Orangensaft, der vor meiner Nase stand. Ich fühlte mich gewissermaßen unter Druck. Vor allem aber verstand ich sein plötzliches Interesse an mir und meinem Leben nicht. Konnte ihm schließlich egal sein, wir kannten uns nicht einmal. Außerdem war ich im Vergleich zu ihm ein absoluter Niemand. Er war der Superstar, der nach Hollywood ging, um berühmt zu werden. Und das hatte er ganz offensichtlich auch geschafft.
»Wieso ausgerechnet Wirtschaft?« Nathans Blick sprach Bände. Er verstand meine Entscheidung kein bisschen. Wie sollte er auch? Ich verstand es ja selbst nicht mal. Dennoch nervte mich seine Frage gewaltig. Was passte ihm daran nicht, dass ich Wirtschaft studieren wollte? Dachte er, ich war zu dumm dafür? Nicht qualifiziert genug? »Versteh mich nicht falsch, ich hab nichts gegen Wirtschaft. Nur – « Er wusste offensichtlich nicht, was er sagen sollte. Ich auch nicht, um ehrlich zu sein. Überhaupt schwirrte mir längst der Kopf von diesem Gespräch. »Ich finde, das passt nicht zu dir.« Bämm! Mitten an den Kopf geknallt hatte er mir seine Worte. Verständnislos starrte ich ihn an.
»Und ich finde, du quatscht zu viel.« Punkt. Aus. Fertig. Mit dieser Aussage ließ ich ihn einfach weiter am Tisch sitzen und stand von meinem Platz auf, um das Geschirr in die Spüle zu räumen. Dieses Gespräch war sowas von beendet. Keine Minute länger hielt ich es mit dem Typen in einem Raum aus!
»Was machen wir Hübschen heute eigentlich noch? Es ist schließlich Freitag und der Tag ist noch jung.« Natürlich überging dieser Esel meinen Kommentar und folgte mir unaufgefordert ins Wohnzimmer. Ich wusste, mit seiner dämlichen Frage wollte er nichts weiter als mich zu provozieren. Mich wieder einmal zum Kochen bringen und sich dann schön ins Fäustchen lachen, wenn ich tobend und rot vor Wut auf mein Zimmer rannte. Doch was er konnte, das konnte ich noch viel besser.
»Lass uns erst einmal einen Plan erstellen«, schlug ich gespielt enthusiastisch vor und sah ihn herausfordernd an.
»Einen Plan?«, fragte er ungläubig lachend.
»Ja, einen Plan«, bestätigte ich selbstsicher. Ohne ihm die Chance zu geben, etwas darauf zu erwidern, setzte ich mir ein diabolisches Grinsen auf, verschränkte die Arme vor der Brust und stolzierte davon – in der Hoffnung, er würde mir folgen.
»Warte! Was denn für einen Plan?« Schon war meine Falle zugeschnappt. Esel! Das würde er noch bereuen. Gleich würden ihm sämtliche Augen aus dem Kopf fallen, wenn er verstand, welchen Plan ich meinte. Und vor allem, welche Konsequenzen das für ihn hatte.
Schnurstracks stapfte ich in mein Arbeitszimmer und peilte die große Pinnwand an, die direkt neben dem Fenster an der Wand hing. Zufrieden grinsend betrachtete ich mein Werk, bis ich Nathan hinter meinem Rücken zwischen den Zähnen pfeifen hörte.
»Wow!«
Irritiert drehte ich mich zu ihm um. Denn dieses Wow war nicht das Wow, das ich eigentlich hatte hören wollen. Nathans Wow klang viel mehr nach einem Ach du heilige Scheiße, statt nach einem Laut der Bewunderung. So war das sicherlich nicht gedacht. Was zum Teufel passte dem Idioten denn daran wieder nicht? Eigentlich wollte ich ihn damit einschüchtern. Doch mein Plan ging offensichtlich nach hinten los. Im doppelten Sinn sogar, denn Nathan war dermaßen schockiert über das, was er an der Pinnwand vorfand, dass er zwei Schritte zurück trat und mich nun mit gerunzelter Stirn und fassungslosem Blick anstarrte.
»Okay«, seufzte ich schwer. »Was ist los?«, brach es wütend aus mir heraus. Denn eigentlich wollte ich den Spieß doch gerade umdrehen und ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen.
»Ich dachte mir ja schon, dass du irgendeinen Putz- und Ordnungsfimmel hast – « Aber? Nathan räusperte sich umständlich und schüttelte ungläubig den Kopf, als wäre ich nun vollkommen verrückt geworden. »Das da«, er deutete mit dem Zeigefinger zur Pinnwand, »das schießt echt den Vogel ab, Bambi!« Nathan sah mich an, als wäre ich nicht mehr ganz dicht. War ich auch nicht. Und wenn schon?
»Ein bisschen Organisation und Ordnung schadet niemandem. Dir auch nicht! Solltest du vielleicht also auch einfach mal ausprobieren, bevor du über andere urteilst.« Ja, okay, die bunten Zettel, die an der Wand hingen, schön geordnet nach Tag, Zeit und Ort, waren vielleicht ein bisschen zu viel des Guten. Dennoch war ich damit bisher ziemlich gut gefahren. Ich wusste immer, ob, wann und wo ich etwas zu tun hatte, vergaß nie einen Geburtstag oder sonst irgendetwas. Was ich beim nächsten Mal einkaufen musste, hatte ich so auch immer direkt auf einen Blick und verpasste nie einen Termin, geschweige denn meinen Zyklus.
Moment! Präsentierte ich ihm da gerade tatsächlich, wann ich das nächste Mal meine Periode bekam? Himmel, war ich denn völlig bescheuert? Hätte ich nicht wenigstens diese kleinen, roten Klebezettel vom Kalender entfernen können, bevor ich ihm stolz meinen Haushalts- und Organisationsplan zeigte? Scheiße, war mir das peinlich. Und genau das erkannte dieser Idiot sofort. Schließlich war das kaum zu übersehen, wie ich im Gesicht tiefrot anlief.
»Du hast ziemlich große Probleme, Rehauge«, flüsterte Nathan, als er mir plötzlich näher kam und nur wenige Zentimeter vor mir stehen blieb. Was sollte das werden? Und überhaupt, Rehauge?! Das war nun schon der zweite Spitzname, den er mir verpasste. Ich hätte ihm ja liebend gern Konter gegeben, doch meine Kehle schnürte sich ungewollt zu unter dem bohrenden Blick, mit dem er mich zu durchschauen versuchte.
»Jemand, der sein ganzes Leben so durchplant wie du, ist in Wirklichkeit ganz schön unsicher.«
Nathan war mir so nah, dass ich seinen warmen Atem an meinem Hals spürte. Ein wohliger Schauer überfuhr mich, ehe ich begriff, dass Nathan mir noch näher gekommen war. Nachdenklich betrachtete er mein Gesicht, musterte es ausgiebig und intensiv, als würde er darin nach etwas suchen.
»Bist du unsicher, Holly?«, wisperte er viel zu nah an meinen Lippen und ich erstarrte zur Salzsäule, konnte mich kaum mehr rühren und wusste nicht, wie mir geschah. Träumte ich oder passierte das gerade wirklich? Testete er mich vielleicht nur? Ganz sicher sogar. Dennoch fiel es mir schwer aus meiner Trance zu erwachen und das Nächstbeste, was mir dann in den Sinn kam, war: »Planung ist das Ersetzen des Zufallsfehlers durch die Systematik.«
Schon als die Worte meine Lippen verließen, hätte ich mich dafür ohrfeigen können. Was zum Teufel erzählte ich ihm da? Weswegen rechtfertigte ich mich überhaupt? War doch vollkommen egal, was er über mich dachte. Ich war nun mal organisiert, ordentlich und ja, ich hatte sogar einen Putzwahn. Na und? Viele Menschen waren wie ich. Daran war rein gar nichts verrückt oder falsch. Und nein, unsicher war ich auch nicht. Zumindest nicht immer.
»Planung ist das Ersetzen des Zufallsfehlers durch die Systematik?«, wiederholte Nathan meine Argumentation, während sich ein unfassbar arrogantes und dämliches Grinsen auf seine Lippen schlich. Ich nickte dennoch. Jetzt voller Trotz. »Du klingst wie ein Roboter, Bambi. Mach dich mal locker und lass ein bisschen Spaß in dein Leben, sonst stirbst du noch als alte Jungfer.« Machte er sich etwa lustig über mich?
»Ich bin locker, du Affe! Und ich habe durchaus Spaß in meinem Leben! Außerdem kann ich nicht als alte Jungfer sterben, denn ich – «
»Was?«, unterbrach er mich neugierig und mit schmierigem Grinsen auf den sonst so schönen Lippen.
»Ach, leck mich, Davis!«, bellte ich resigniert. Dieser Trottel würde ohnehin niemals aufhören, mich zu nerven.
»Herausforderung angenommen.«

5
Holly

Nathans haselnussbraunen Augen bohrten sich regelrecht in meine und ich wich automatisch einen Schritt zurück, als ich das schleichende Gefühl von Kontrollverlust in mir verspürte. Das viel zu überhebliche Grinsen, das auf seinen Lippen saß, provozierte mich ungemein und forderte all meine Geduld. Am liebsten hätte ich ihm längst eine gescheuert, diesem Besserwisser.»Also!« Entschlossen klatschte ich in die Hände. »Wir machen jetzt einen Plan – wer von uns beiden, was, an welchem Tag, wie und wo macht. Verstanden?«, fragte ich, bekam jedoch keine Antwort. Nathan starrte mich weiterhin breit grinsend an und so langsam wurde es mir unangenehm. Denn zu meiner Schande musste ich gestehen, so sehr mich dieses Grinsen aufregte, so sehr gefiel es mir auch – gewissermaßen zumindest. »Wir teilen alle Aufgaben im Haushalt auf und teilen die Zeit so ein, dass wir uns am besten so wenig wie möglich dabei über den Weg laufen. Kapiert soweit?« Ich sah den Schauspieler auffordernd an und nahm ein paar kleine Klebezettel und einen Stift, um mit der Planung zu beginnen. Nathan gab immer noch keinen Ton von sich, beobachtete mich nur mit einem undefinierbaren Lächeln, das mich noch mehr verunsicherte als ich ohnehin schon war. Dennoch ließ ich mich nicht beirren und schrieb ein paar Aufgaben auf. Saugen, Fensterputzen, Kochen, Wäschewaschen. Jeder von uns beiden hatte jetzt seine eigene Farbe der Zettel. Damit auch der letzte Idiot verstand, wer, welche Aufgabe, wann zu erledigen hatte. Sogar ein Esel wie Nathan würde es begreifen.
Zufrieden schmunzelnd klebte ich die Zettel an den großen Wochenplan, der an der Pinnwand hing und begann damit, die Zeiteinteilung zu machen. Ich hatte sicherlich nicht vor, noch einmal ins Badezimmer zu platzen, während er sich darin befand. Halbnackt, wohlgemerkt. Also gab es aus dieser Konsequenz heraus nun auch einen Zeitplan für den Aufenthalt im Bad, so einfach war das. Nathan schien das herzlich wenig zu interessieren. Schräg hinter meinem Rücken lugte er zwar auf das, was ich da an der Wand veranstaltete, kommentierte es jedoch mit keinem Wort. Lediglich ein amüsiertes Grinsen schlich sich auf seine Lippen, als ich ihm einen skeptischen Blick zuwarf. Irgendetwas heckte dieser Typ doch schon wieder aus!
»Tada!«, präsentierte ich ihm Minuten später mein Werk und war sichtlich stolz darauf. Ich war die Queen der Organisation. Immerhin etwas, das ich konnte. »Falls dir dein Leben lieb ist, wirst du das hoffentlich verstehen und auch beherzigen, was hier drauf steht«, drohte ich, konnte mir jedoch das Grinsen leider nicht verkneifen. Nickend deutete ich nachdrücklich auf den mit bunten Klebezetteln überfüllten Wochenplan und hoffte dabei wie eine eiskalte Killerin auszusehen. Der würde noch sehen, wozu das Bambi in der Lage war, wenn man es verarschte. Das würde er sich nicht wagen.
»Bin ich denn wirklich so unausstehlich, dass du sogar einen Zeitplan für das Bad anfertigen musstest? Glaubst du, es schadet dir, mich noch einmal halbnackt vor dir stehen zu sehen oder wovor hast du Angst?« Wie kam er denn auf die bescheuerte Idee, ich würde vor irgendetwas Angst haben? »Weißt du«, flüsterte Nathan plötzlich leise an meinem Ohr und erst jetzt bemerkte ich, dass er den Abstand zwischen uns beiden deutlich verringert hatte. »Ich bin eigentlich gar nicht so schlimm, wie du vielleicht denkst.« Gänsehaut überzog meinen Körper und ich musste unwillkürlich hart schlucken. Spielte er etwa mit mir? Dachte er wirklich, ich würde auf seine dämliche Masche reinfallen? Okay, mein Körper tat es, unverkennbar sogar. Doch mein Verstand funktionierte Gott sei Dank noch einigermaßen normal, weshalb ich mich eines Besseren besann und Nathan bewusst von mir schob. Schade eigentlich, er roch unheimlich gut.
»Tust du mir bitte einen Gefallen und hältst ab sofort einen gewissen Abstand zu mir? Ich hasse es, wenn man meine Komfortzone ausnutzt und ungefragt in sie hineindringt«, knurrte ich leicht aufgebracht. Mir doch egal, wie doppeldeutig das schon wieder klang. Er wusste genau, was ich damit meinte. Sein wissendes Lächeln aber ließ mich doch den Glauben an die Menschheit verlieren. Wie konnte man nur so kindisch sein? Wie alt war der Kerl – 14? Man könnte fast meinen, er steckte mitten in der Pubertät.
Schnaubend vor Wut stapfte ich an ihm vorbei, auch wenn ich in diesem Moment nicht wusste, was ich tun oder wohin ich gehen sollte. Egal, Hauptsache weit, weit weg von diesem Idioten! Schnell stieg ich die Treppen rauf, schnappte mir das Telefon und wählte Marks Nummer. Zwar wusste ich, dass er momentan auf der Arbeit war, doch da musste er jetzt durch. Das alles war schließlich seine Schuld.
Es tutete nicht lange, da hörte ich schon die Stimme meines Freundes am anderen Ende der Leitung, als ich in meinem Zimmer verschwand und die Tür hinter mir abschloss, damit dieser aufgeblasene Typ bloß nicht auf die Idee kam, mir zu folgen.
»Was ist los, Holly? Ist irgendetwas passiert?«, fragte Mark leicht panisch. Er wusste, ich rief ihn normalerweise nur in Notfällen auf der Arbeit an.
»Weißt du eigentlich, was du mir mit diesem Kerl antust?«, schoss es ungehalten aus mir heraus.
»Wieso? Was macht er denn?«
»Was er macht? Himmel, es reicht schon, dass er atmet!« Mark seufzte erschöpft, doch ich war noch lange nicht fertig. »Ständig reizt er mich und versucht mich zu provozieren. Das ist nicht mehr normal«, zischte ich unkontrolliert.
»Ach, Holly, jetzt sei mal nicht so. Nathan hat es doch auch nicht leicht zurzeit«, entschuldigte Mark Nathans Verhalten, was mich scharf nach Luft schnappen ließ. Ich war fassungslos, dass mein bester Freund diesen Idioten auch noch verteidigte.
»Stellst du dich jetzt echt auf seine Seite?« Es würde nicht mehr lange dauern und ich platzte.
»Ich stell mich auf gar keine Seite, ich bin doch nicht bescheuert«, erwiderte mein Freund glucksend. Wirklich witzig! »Ihr seid beide ziemlich stur und bockig, da misch ich mich sicherlich nicht ein«, erklärte er und ließ mich kurz laut aufschreien. Das war doch wohl nicht sein Ernst?
»Du hast mir diesen Mist eingebrockt, ohne mit mir vorher zu reden, also musst du es jetzt auch ausbaden!«, polterte ich aufgebracht.
»Holly, ich habe jetzt wirklich keine Zeit für so etwas, ehrlich. Wir haben grade einen wichtigen Auftrag reinbekommen und ich muss mich drum kümmern. Klärt das doch bitte alleine. Und wenn es irgendwie möglich ist, wie Erwachsene. Okay?« Resignierend fuhr ich mir durch die Haare und schloss die Augen. Da musste ich wohl oder übel selbst durch, wie es aussah.
»Kein Plan, wie ich mit diesem Kerl unter einem Dach zusammenleben soll, aber... Ist gut. Ich gebe mir Mühe. Dennoch zahl ich dir das irgendwann noch heim, darauf kannst du Gift nehmen, Mitchell!« Mark lachte.
»Ihr schafft das schon. Und das auch ohne mich oder Sally. Außerdem, sieh es doch mal so: du brauchst Geld, richtig? Und Nathan kann und wird dir mehr als genug geben, damit du wieder von deinen Mieteinnahmen leben kannst. Also gib ihm eine Chance«, bat mein Freund und ich kapitulierte erneut. Wieso knickte ich auch immer so schnell ein, wenn es um Mark und Sally ging? Vielleicht weil ich Einzelkind war. Daran könnte es tatsächlich liegen. Außerdem musste ich Mark in dieser Hinsicht absolut Recht geben, ich brauchte Geld. Und wenn es durch Mieteinnahmen kam, umso besser. So könnte ich vielleicht bis zum Studium im Frühjahr ein wenig Erspartes beiseitelegen und hätte diesen Druck nicht, neben dem Studium auch noch jobben gehen zu müssen. Zumindest wäre das sicherlich eine große Hilfe. Und wenn Davis die Kohle tatsächlich so locker sitzen hatte, wie Mark behauptete, wieso sollte ich die Chance nicht wahrnehmen? Schließlich könnte man es fast schon als Schmerzensgeld ansehen, so viel, wie ich mit diesem Esel ertragen musste. Dabei waren es gerade einmal zwei Tage, seitdem er hier war. Trotzdem trieb mich sein Verhalten jetzt schon regelmäßig zur Weißglut. Ob das also gut gehen würde? Nicht, dass ich ihn tatsächlich noch um die Ecke brächte und seine Leiche im nahegelegenen Wald verscharrte.
Ich wusste ja noch immer nicht, was er überhaupt ausgerechnet in meinem Haus suchte, geschweige denn, vor was oder wem er sich zu verstecken versuchte. So schien es zumindest bisher. Als wäre er auf der Flucht. Vielleicht sogar vor sich selbst, wer wusste das schon so genau? Wenn Mark die Wahrheit darüber kannte, konnte oder wollte er sie mir nicht anvertrauen. Ich konnte es ihm nicht einmal verübeln. An Nathans Stelle hätte ich auch nicht gewollt, dass mein Kumpel alles über mich ausplauderte, vor allem, wenn es etwas sehr Persönliches und Privates war, etwas, das sonst kaum jemand wusste.
Welches Geheimnis trug Davis wohl mit sich herum? Ging es dabei um Drogen? Geldprobleme schien er offensichtlich keine zu haben. Verfolgte ihn ein Stalker, ein verrückter Fan sogar? Oder erpresste ihn jemand? Ich würde zu gerne dieses Rätsel lösen wollen. Doch müsste ich dieses Scheusal dazu erst einmal besser kennenlernen. Und da wusste ich wirklich nicht, ob ich das Risiko eingehen sollte. Zumal ich nicht sicher war, ob ich überhaupt bereit war für die Wahrheit.
Auch wenn ich es wirklich ungern zugab, so hatte Mark absolut Recht. Ich musste Nathan eine Chance geben. Nur einmal, eine einzige zumindest, und dann sehen, was passiert. Viel zu verlieren hatte ich ohnehin nicht. Außer meiner Geduld. Und meinem Verstand. Vielleicht auch ein wenig meiner Würde. Definitiv aber meinen Stolz.
Unzufrieden verzog ich das Gesicht, vertraute jedoch auf mein Herz. Schließlich hatte jeder Mensch eine Chance verdient, oder? Selbst bei einem selbstverliebten Idioten wie Nathan sollte ich da also keine Ausnahme machen. Zumindest nicht, bevor ich ihn nicht wirklich kannte. Und einschätzen konnte.
Grübelnd verabschiedete ich mich von meinem Freund am Telefon, nachdem ich mich beschämt bei ihm für meine dämliche Störung entschuldigte. Es schien mir plötzlich so dumm und lächerlich, dass ich ihn deswegen angerufen hatte. Als könnte ich meine Probleme nicht allein klären. Ich schämte mich im Nachhinein schrecklich für mein Verhalten, doch ich wusste, Mark nahm es mir nicht übel. Er wusste, wie ich manchmal war. Es gab nämlich niemanden, der mich besser kannte als Mark oder Sally. Nicht einmal meine eigenen Eltern, nein, vor allem die nicht.
Seufzend rollte ich mich von meinem Bett und verließ mein Zimmer, um mir etwas zu trinken zu holen. Zu meinem Glück war Nathan nirgends zu entdecken, also huschte ich blitzschnell die Treppen runter zur Küche und ging zum Kühlschrank, um mir eine kalte Flasche Wasser herauszuholen. Gerade als ich die Flasche an meinen Mund ansetzte, fiel mein Blick auf den Papiermülleimer in der Ecke. Skeptisch ließ ich die Flasche wieder sinken und stellte sie auf dem Tisch ab, ehe ich zum Eimer ging und den Inhalt darin musterte. Was zum – ? Nachdenklich hob ich einen der kleinen, bunten Zettel auf, die darin lagen und fauchte augenblicklich. Das hatte er nicht gewagt?! War er vollkommen lebensmüde? Er hatte meinen mühsam zusammengestellten Plan zu Nichte gemacht, dieser Vollidiot! Mein Werk war zerstört.
Vollkommen außer mir stolperte ich die Treppen rauf, kochend vor Wut. Dass ich dabei nicht auf die Nase fiel, war aber auch alles. In der Hoffnung, dieser schrecklich selbstgefällige Snob war auf seinem verdammten Zimmer, damit ich ihm gleich ordentlich die Hölle heiß machen konnte für das, was er getan hatte, eilte ich nach oben und riss seine Tür auf. Mir doch egal, dass ich nicht einmal anklopfte. Mir ebenso egal, wenn er hier gleich nackt vor mir stehen würde. Es war mir echt alles egal, Hauptsache, dieser kleine Wicht bekam endlich das, was er verdiente – nämlich eine Tracht Prügel! Was fiel ihm eigentlich ein, sich an meinen Sachen zu vergehen, meine so sorgfältig und gut durchdachten Zettel vom Kalender abzunehmen und sie heimlich in den Papiermüll zu schmeißen? Spinnte der völlig? Ich war unfassbar sauer auf diesen Mistkerl und das ließ ich ihn sogleich wissen.
»Was fällt dir eigentlich ein, meinen so gut organisierten Wochenplan – !« Die Worte blieben mir regelrecht im Halse stecken, als mein Hirn begann den Anblick, der sich mir gerade bot, zu verstehen und mir zu signalisieren, dass da etwas ganz und gar nicht stimmte. Nathan lag seelenruhig und beinahe unheimlich friedlich auf seinem ziemlich akkurat gemachten Bett und las ein Buch. Kaum zu glauben! Ich hatte mit allem gerechnet, als ich in sein Zimmer stürmte. Wirklich mit allem! Nur nicht damit. Niemals. Blinzelnd starrte ich etwas verloren vor mich hin. In welchem Film war ich denn plötzlich gelandet? Das konnte doch nun wirklich nicht wahr sein.
»Mach den Mund zu, Bambi, es zieht!« Ohne das Buch beiseite zu legen, das ihm gerade eigentlich die Sicht auf mich – oder meinen aufgeklappten Mund – versperrte, hörte ich ihn eindeutig amüsiert glucksen. War das zu fassen? »Sag mal, deine Eltern haben dir wohl wirklich nie beigebracht, vorher immer anzuklopfen, was? Zuerst gestern im Bad und jetzt auch noch mein Zimmer. Oder machst du das vielleicht sogar extra, in der Hoffnung, mich irgendwann komplett nackt zu erwischen?« Ein süffisantes Grinsen schob sich in mein Sichtfeld, als er das Buch zuklappte und auf seiner Brust ablegte. Gott, was hasste ich diesen Kerl!
Sein amüsierter Blick bohrte sich regelrecht in mich hinein und ich konnte nicht einmal behaupten, es fühlte sich schrecklich an. Im Gegenteil. Ich mochte das Haselnussbraun seiner Augen, das konnte ich genauso wenig leugnen wie die Tatsache, dass er mich mit solchen Blicken unheimlich verunsicherte. Dabei war ich doch eigentlich hier heraufgekommen, um ihm einen gehörigen Arschtritt zu verpassen. Wo war denn bloß auf einmal meine ganze Wut geblieben? Einfach verpufft. Kein Wunder, wenn man dermaßen vor den Kopf gestoßen wurde. Wer hätte auch ahnen können, dass jemand wie er Romane las oder sich gar für Literatur interessierte.
Neugierig schielte ich auf das Buchcover, um erkennen zu können, was er da tatsächlich las. Hätte schließlich auch irgendein Blödsinn sein können, davon gab es ohnehin mehr als genug. Doch als ich den Titel erkennen konnte, wurde ich erneut vor den Kopf gestoßen.
Zur Hölle, was? Stolz und Vorurteil von Jane Austen? War das sein verdammter Ernst? Ich fühlte mich verarscht, suchte bereits insgeheim nach der versteckten Kamera, fand jedoch nichts. Das konnte unmöglich wahr sein. Er konnte unmöglich wahr sein.

6
Holly

Am nächsten Morgen lag ich hellwach in meinem Bett und starrte grübelnd an die weiße Decke über mir. Wie lange ich hier schon so lag, hatte ich keine Ahnung. Noch immer beschäftige mich das seltsame und manchmal auch widersprüchliche Verhalten meines ungewollten Mitbewohners enorm. Was führte dieser Typ nur im Schilde? Weshalb ärgerte er mich immer zu und vor was oder wem lief er eigentlich davon? Mich quälten abertausende Fragen, doch mein Stolz hielt mich bisher davon ab, ihm diese zu stellen. Denn eigentlich ging es mich nichts an. Andererseits wüsste ich schon gern, mit wem ich es hier zu tun hatte. Was, wenn er ein Verbrechen begangen hatte und sich vor der Polizei und dem Gesetz in meinem Haus versteckte? Ich würde sicherlich mit angeklagt werden und zusammen mit ihm in den Bau wandern.Nein, das war völliger Blödsinn! Mark würde das niemals zulassen. Und ich war mir sicher, er kannte Nathans Geheimnis. Außerdem beschäftigte mich noch etwas anderes, eine kleine Nichtigkeit. Eigentlich kaum der Rede wert, doch... Zur Hölle, Davis' süffisantes Grinsen ging mir einfach nicht mehr aus meinem Kopf. Und dieses dunkle Lachen, wenn er sich über mich lustig machte. Geschweige denn von dem schönen Haselnussbraun seiner Augen, das mich sogar heute Nacht im Schlaf verfolgte. Vermutlich war das auch der Grund, weshalb ich heute Morgen schon so früh wach war.
Draußen herrschte noch immer tiefste Finsternis, als ich meinen Mitbewohner plötzlich im Flur hörte. Sicherlich ging Nathan wieder einmal joggen. Wie er dieses Ritual nur so tapfer durchhalten konnte, war mir schleierhaft. Nie im Traum würde mir einfallen, direkt nach dem Aufstehen raus zu gehen, geschweige denn zu laufen. Ich war ohnehin noch nie sonderlich sportlich gewesen. Offensichtlich anders als er. Wenn ich so an seinen athletisch gebauten Körper dachte, wusste ich, dass all die Muskeln unter seinem Shirt nicht von ungefähr kamen. Er trainierte hart dafür, dessen war ich mir sicher. Hollywood verzieh eben nicht. Sah man dich nur einmal nicht in Topform, schon warst du weg vom Fenster. Zumindest stellte ich mir das so vor. Schließlich gab es nichts Unwirklicheres als die Filmbranche. Hollywood schien so oberflächlich, wie mein Wissen über Quantenmechanik. Wie Nathan es dort überhaupt so viele Jahre aushielt, verstand ich wirklich nicht.
Müde rollte ich mich von meinem Bett, suchte mir ein paar frische Klamotten aus dem Schrank und torkelte zum Badezimmer. Gott sei Dank war der Schauspieler bereits gegangen und ich hoffte, er würde noch Ewigkeiten im Wald joggen, nur damit ich meine Ruhe hatte. Schnell duschte ich und machte mich ein wenig fertig, bevor ich erstaunlich gut gelaunt die Küche betrat und eine volle Glaskaraffe mit frisch gepresstem Orangensaft im Kühlschrank vorfand, auf dem einer meiner kleinen Klebezettel prangte. Ha! Wusste er also doch, wie man diese Dinger richtig benutzte. Tatsächlich hatte der Zettel sogar die für mich ausgewählte Farbe – rosa. Ich weiß, klischeehaft und kitschig, doch ich wusste, diese Farbe würde ihn davon abschrecken, sich an meinen Sachen zu vergehen. Schließlich war das nicht gerade der Inbegriff von Männlichkeit. Natürlich war seine Farbe ein dunkles Blau, doch die fehlte seltsamerweise im Kühlschrank. Mir konnte es egal sein, wenn er seine Lebensmittel mit mir teilte. War er eben selbst schuld, wenn ich ihm alles weg futterte.
Schmunzelnd las ich den rosa Zettel und hob erstaunt beide Augenbrauen. »Bedien dich, Bambi!« War mein neuer Mitbewohner vielleicht doch gar nicht so selbstsüchtig, wie ich dachte? Oder war das nur wieder irgendeine verdrehte Taktik von ihm, um mich erneut in den Wahnsinn zu treiben? Schulterzuckend nahm ich mir ein Glas aus dem Schrank und schenkte mir etwas von dem leckeren Saft ein. Das Haus schien so ungemein ruhig und still, dass ich fast vergaß, wie unausstehlich und fies dieser Esel eigentlich sein konnte.
Entspannt ließ ich mich im Wohnzimmer auf meinem Lieblingsplatz nieder, einer weich gepolsterten Sesselliege, auf der ich abends gerne mal lag und gemütlich ein Buch las oder stundenlang mit Sally oder Mark telefonierte. Das Leben konnte manchmal wirklich schön sein, dachte ich, und schloss für ein paar Minuten genüsslich die Augen.
»Du lässt es dir ja ganz schön gut gehen, Rehauge. Ein bisschen Sport am Morgen würde dir sicherlich nicht schaden«, durchbrach Nathans Stimme meine bisher so wundervoll eingebildete Idylle. Doch ich schwor mir gestern Abend hoch und heilig, nicht mehr auf seine Provokationen einzugehen, ihn links liegen zu lassen und am besten gar nicht erst auf seine dämlichen Sprüche zu reagieren. Dennoch knirschte ich still und heimlich mit den Zähnen, als er auf einmal – dreist wie er nun mal war – meine Beine zur Seite schob und sich verschwitzt neben mich auf meine Liege legte, die Arme entspannt hinter seinem Kopf verschränkt.
Ich atmete tief durch und versuchte nicht auszuflippen, schluckte meinen Ärger mühsam herunter und versuchte ihn einfach zu ignorieren. Soweit es mir zumindest möglich war. Denn seine Anwesenheit und Nähe war mir plötzlich mehr als bewusst. Wütend kniff ich weiter die Augen zusammen und presste schmerzvoll die Lippen aufeinander.
»Was machen wir Hübschen heute noch so?«, fragte Nathan amüsiert vor sich hin grinsend. Selbst mit geschlossenen Augen konnte ich mir leider viel zu gut vorstellen, wie er dabei aussehen musste. Unverschämt gut nämlich. »Redest du jetzt nicht mehr mit mir?«, fragte er gespielt enttäuscht und zog sicherlich einen Flunsch, den ich nur zu gern gesehen hätte. Dennoch hielt ich meine Augen lieber geschlossen und konzentrierte mich weiter auf das Nichtreagieren seiner Provokationen. »Was hab ich denn schon wieder getan, dass du mich ignorierst, hm?« Nathan beugte sich leicht zu mir herunter und der Geruch seines Shampoos stieg mir unweigerlich in die Nase. Und das, obwohl er noch nicht einmal unter der Dusche war. Ich erwartete ekelhaften und bissigen Schweißgeruch, doch alles, was ich wahrnahm, war sein eigener und unverkennbarer Duft. Nathan roch unfassbar gut. Undefinierbar, aber verflucht gut. Wie konnte das sein? Das war einfach unfair!
»Holly.« Irritiert darüber, dass er mich nicht Bambi nannte, so wie er es immer tat, vor allem aber über das sanfte Wispern, das seine Lippen verließ, öffnete ich nun doch meine Augen und sah ihn erwartungsvoll an. Das Grinsen in seinem Gesicht war verschwunden, wenn auch nur für einen winzigen Moment, wie mir schien. »Ich will mich nicht ständig mit dir streiten, ehrlich nicht«, behauptete er unerwartet, klang dabei sogar überraschend aufrichtig. So aufrichtig, dass ich mich gegen meinen eigentlichen Willen aufsetzte und ihn zum ersten Mal an diesem Morgen ansah. Ein Fehler! Und was für einer. Warum, um Himmels Willen, sah der Idiot in seinem nassgeschwitzten, weißen Shirt so unverschämt gut aus? Zum Teufel mit dem Kerl! Der war definitiv nicht von dieser Welt. Welcher Mensch war schon so perfekt? Nun gut, seine Macke mit dem Dauergrinsen, das ständige Zähneputzen, sein Tick, mich immer auf die Palme bringen zu wollen, all das war sicherlich nicht perfekt, aber... Gott, ich hasste ihn trotzdem dafür!
»Weißt du, die Lösung für unser Problem wäre doch eigentlich so einfach. Wenn wir uns nur besser kennen würden, dann wüsstest du, dass ich eigentlich gar nicht so schlimm und böse bin, wie du vielleicht denkst«, argumentierte Nathan mit einem wissenden Grinsen auf den Lippen, das mich ungewollt aus dem Konzept brachte. »Lass es uns wenigstens einmal probieren«, schlug er vor, wirkte dabei jedoch ungewohnt ernst. »Wir könnten heute Abend irgendetwas gemeinsam unternehmen und uns so näher kennenlernen. Vielleicht kommen wir dann auch besser miteinander klar und müssen nicht ständig gegeneinander ankämpfen. Na, wie klingt das für dich?« Auf gar keinen Fall! Nicht, dass ich ihm nicht zustimmte. Ich war mir sogar sicher, dass wir uns nur besser kennen mussten, um mit dem Gezanke aufzuhören. Aber dafür freiwillig mit ihm etwas unternehmen? Bestimmt nicht. Darauf hatte ich nun wirklich so gar keine Lust.
»Du meinst, du und ich, wir sollten etwas zusammen machen? So ganz ohne Streit und Machtkämpfe? Wäre das denn nicht langweilig?« Ich grinste triumphierend. Eins wusste ich jetzt schon ganz genau: Nathan war vielleicht einiges, aber ganz sicher nicht langweilig. Deswegen hoffte ich, er würde die Idee schnell wieder verwerfen und mich einfach in Ruhe lassen. »Ich mache dir einen anderen Vorschlag«, meinte ich nicht sonderlich überzeugend, »Wie wäre es, wenn wir uns die nächsten Tage schlicht aus dem Weg gehen, statt uns besser kennen zu lernen. Ich meine, seien wir mal ehrlich. Du und ich, wir sind dermaßen gegensätzlich und nicht für das Leben miteinander geeignet, dass es absolut keinen Sinn macht, sich überhaupt aufeinander einzulassen. Schon bald bist du wieder zurück in Hollywood und ich – « Tja, was war dann eigentlich mit mir? Ich würde weiterhin meinen Träumen nachjagen, von denen ich Angst hatte, dass sie jemals in Erfüllung gehen könnten. Ziemlich traurig, ich weiß. Doch das war nun mal die Wahrheit über mich und mein armseliges Leben. Ich hatte Freunde, Haus und Garten, konnte das studieren, worauf ich gerade Lust hatte und jobbte bald in der Verwaltung. Dennoch war ich schrecklich leer im Inneren. Unausgefüllt – das war wohl das Wort, das mich am besten beschrieb. Ich wusste weder, was mir genau fehlte, noch was ich überhaupt wollte. Das sollte mir in meinem Alter erst einmal jemand nachmachen. Die meisten meiner Bekannten aus der Schulzeit standen längst mit beiden Beinen fest im Leben, hatten vielleicht sogar schon Familie, Kinder und waren vollkommen glücklich. Vor allem aber waren sie angekommen. Irgendwo zumindest. Während ich immer noch allein und ahnungslos zwischen dem Hier und Jetzt stolperte – auf der Suche nach irgendwas und irgendwem.
»Holly«, unterbrach Nathan meinen Monolog und somit auch meine Gedanken. Sein Gesichtsausdruck wirkte ernst und voller Überzeugung, anders als meiner in diesem Moment. »Wir haben gemeinsame Freunde. Bedeutet das denn gar nichts?«, fragte er ehrlich lächelnd. Ich musste mir größte Mühe geben, bei diesem Anblick nicht wie ein hormongesteuertes Weib dahin zu schmelzen. Seine Frage war Klischee pur. Und doch musste ich ihm Recht geben. Wir hatten beide dieselben Freunde, das musste einfach etwas bedeuten. Zumindest dass Nathan gar nicht so verkehrt sein konnte, wie ich bisher dachte. Dennoch hatte ich absolut keine Lust, mit ihm irgendwas zu unternehmen. Es schien mir falsch. Auch wenn ich selbst nicht wusste, weshalb. Irgendetwas tief in mir drin sträubte sich mit Händen und Füßen gegen einen gemeinsamen Abend mit diesem unverschämt gutaussehenden Kerl.
»Komm schon, Bambi! Gib dir einen Ruck. Ich werde diesmal auch ganz brav sein, Indianerehrenwort.« Ich glaubte ihm kein Wort. Zumal sein Grinsen ihn verriet. Außerdem versteckte er seine linke Hand hinter seinem Rücken. Ich wusste genau, warum. Und trotzdem – oder gerade deswegen – grinste ich ausnahmsweise zurück.