STOLPERHERZEN

Liebe ist (k)ein Kinderspiel

L E S E P R O B E

1

Das durfte doch alles nicht wahr sein. Kaum hatte ich mich daran gewöhnt wieder in alter Umgebung zu leben und meiner Tochter nahe zu sein, schon gab es erneut Ärger. Nicht nur, dass die Nachbarn meine Privatsphäre nicht tolerierten, nein, ganz Woodville schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, mich und mein Leben hier so kompliziert wie möglich zu gestalten. Meine Ein­käufe musste sogar meine Mutter für mich erledigen, denn in einen normalen, örtlichen Supermarkt konnte ich kaum ein Fuß hineinsetzen, ohne von Menschen umlagert zu werden. Dabei war ich im­mer noch einer von ihnen. Auch wenn ich dank meines Berufes die meiste Zeit im Jahr woanders verbrachte.
Dennoch schien es für die Menschen in meiner Heimat wahnsinnig aufregend, mich wieder in ihrer Nähe zu haben. Selbst die Eltern der Kinder in Emilys Kindergarten streuten bereits Gerüchte über mich, ich wäre nur deswegen wieder zurück nach Woodville gezogen, weil ich neu verliebt wäre. Dabei lag die Lösung für alle doch eigentlich so nah. Und noch dazu schien sie logisch und verständlich…
Hannah und ich hatten uns bereits vor über einem Jahr getrennt. Das wusste die ganze Welt, denn die Presse hatte nicht an unschönen Details und Unwahrheiten gespart. Dass sie dann zurück nach Woodville zog – zusammen mit unserer gemeinsamen Tochter, wohlgemerkt – , um in der Nähe ihrer Familie zu sein, wusste auch längst jeder. Es war für mich selbstverständlich, dass ich ih­nen hinterherziehen würde, schließlich wollte ich, trotz der Trennung mit ihrer Mutter, bei ihr sein. In ihrer Nähe. Um so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen zu können, wenn ich mal Zuhause war. Ich wollte nicht ständig umherreisen müssen, nur damit ich Emily mal für ein paar Stunden se­hen konnte. Ich wollte die Freiheit besitzen, wann immer ich Zeit hatte, zu ihr gehen zu können. Meine Tochter sollte wissen und vor allem spüren, dass ich in ihrer Nähe war. Daher schien es für mich außer Frage, dass ich weiterhin in L.A. bleiben würde, während meine Tochter in Woodville aufwuchs – genau wie ihre Eltern einst.
»Schätzchen, dein Telefon hat schon ein paar Mal geklingelt, willst du Hannah nicht wenigs­tens zurückrufen?« Sorgenvoll blickte meine Mutter mich an, während sie mir mein Handy demons­trativ unter die Nase hielt.
Mir war es schrecklich unangenehm, dass ich mit beinahe dreißig Jahren immer noch – oder zumindest wieder einmal – auf ihre Hilfe angewiesen schien. Sie kümmerte sich hin und wieder um das Haus, wenn ich unterwegs war und genauso kümmerte sie sich um mich, wenn ich Zuhause war. Sie kannte mich und wusste daher, dass ich bisher nur schwer mit der plötzlichen Einsamkeit umgehen konnte. Seitdem ich zehn Jahre alt war, hatte ich im Grunde immer jemanden an meiner Seite. Ich war nie allein. Doch seit der Trennung und vor allem an den Tagen, an denen ich nicht einmal meine Tochter zu Gesicht bekam, spürte ich es umso deutlicher. Es war schlicht ungewohnt für mich, auf mich selbst gestellt zu sein und das wusste meine Mutter. Das bedeutete natürlich nicht, dass ich nicht selbstständig genug war, um mein Leben auch allein leben zu können. Es war einfach nur Gesellschaft, die mir fehlte.
»Ich habe momentan nicht sonderlich viel Lust mit ihr zu reden, Mom. Bitte verstehe das.«
Seufzend schob sie sich das Handy in die kleine Tasche ihrer Schürze und ging zurück ins Haus. Emily war seit gestern für die restliche Woche bei mir und meine Mutter war heute früh extra vorbeigekommen, um der Kleinen ihr Leibgericht zu kochen und etwas Zeit mit ihr zu verbringen, wenn ich sie später vom Kindergarten abholen würde.
Nachdenklich folgte ich ihr ins Haus und fand sie in der Küche wieder. »Du weißt, dass es für mich irgendwie immer noch seltsam ist, sie mit diesem anderen zu sehen. Und ich weiß genau, sie ruft nur deswegen an, um sich zu vergewissern, ob ich Emily auch rechtzeitig in den Kindergarten gebracht habe und ob der kleine Engel Theater veranstaltet hat bei der Verabschiedung«, erklärte ich meiner Mutter, als ich mich an den Esstisch setzte und ihr beim Kochen zusah.
»Und wenn schon, Ethan. Mir ist bewusst, dass es eine ziemlich blöde Situation für dich ist, seitdem Hannah wieder vergeben ist. Trotzdem kannst du sie und ihre Anrufe deswegen nicht ein­fach meiden und ignorieren. Immerhin reibt sie es dir nicht auch noch unter die Nase, sondern will sich nur über ihre Tochter bei dir erkundigen. Ich kann ja verstehen, dass es dir dennoch schwer fällt, momentan mit ihr zu reden, doch du bist erwachsen genug, um da drüber zu stehen, hörst du?« Eindringlich sah sie mich an und hielt mir erneut das Handy unter die Nase. »Sei kein Feigling, denn so habe ich dich nicht erzogen. Ruf sie zurück, Ethan.«
Seufzend erhob ich mich von meinem Platz und ging mit meinem Smartphone raus in den Garten. Zögernd wählte ich die Nummer der Mutter meiner Tochter und fuhr mir leicht nervös durch die Haare.
»Na, endlich! Sag mal, sonst hast du doch auch immer und überall dein Handy dabei! Wieso hat das so lange gedauert?«, ratterte Hannah auch direkt los, nachdem sie abgehoben hatte.
»Entschuldige, ich war im Garten und hab es leider nicht gehört«, flunkerte ich ausweichend.
»Ethan, Emilys Erzieherin hatte mich vorhin versucht zu erreichen. Leider waren wir zu dem Zeitpunkt unterwegs und der Empfang war dermaßen schlecht, dass die Verbindung irgendwann einfach abgebrochen ist. Seitdem erreiche ich sie nicht mehr. Du musst unbedingt hinfahren und schauen, ob alles in Ordnung ist. Ich konnte nicht viel verstehen, außer, dass es da wohl einen Vor­fall gab. Ob es Emily betrifft, weiß ich allerdings nicht«, sprudelte es besorgt und nervös aus Han­nah raus, während ich abrupt und alarmiert erstarrte.
Ich wusste, Hannah und ihr neuer Freund waren die gesamte Woche im Ausland – Urlaub, wie ich mir dachte. Deswegen konnte ich meine Tochter auch ausnahmsweise die ganze Woche bei mir behalten und schien überglücklich damit. Doch nun breitete sich Panik in mir aus.
Was wenn tatsächlich etwas im Kindergarten vorgefallen war? Was sollte ich tun und wie musste ich reagieren? Die Situation schien vollkommen neu für mich, denn bisher war es immer Hannah, die sich um so etwas kümmerte. Nun war aber ich als Vater gefragt.
»Okay, nochmal von vorn und diesmal etwas langsamer, Hannah«, forderte ich meine Ex auf und schluckte hart, da mich ein seltsam bedrohendes Gefühl erfasste.
»Fahr zu Emily in den Kindergarten, Ethan. Es gab irgendeinen Vorfall, etwas Genaues weiß ich leider nicht und die Erzieherin erreiche ich leider auch momentan nicht mehr. Fahr also bitte einfach hin und schau nach, ob alles okay ist und ob es Emily gut geht.«
»Verstanden. Bin unterwegs«, kam es wie auf Kommando von mir zurück, ehe ich mich von ihr verabschiedete und ins Haus rannte.
»Mom, ich bin im Kindergarten. Irgendwas ist passiert, Hannah weiß aber nichts Genaues, da­her fahre ich da jetzt einfach hin und schau nach Emily. Bis später.« Ich wartete keine Antwort ab, schnappte mir einfach nur meinen Schlüssel und sprintete zu meinem Wagen.

Es dauerte nur wenige Minuten, da parkte ich bereits auf dem kleinen Parkplatz vor dem pri­vaten Kindergarten meiner Tochter und hastete ins Innere des denkmalgeschützten Gebäudes, als ich plötzlich mit einer jungen Frau zusammenstieß, die ebenso wie ich hineineilte, ohne auf ihre Umgebung zu achten.
Nuschelnd murmelte ich nur eine knappe Entschuldigung, schenkte ihr weiter keine Beach­tung und quälte mich durch die engen Flure des Kindergartens, um die kleine Gruppe meiner Toch­ter zu finden. Ein großes Bild einer Pinguinfamilie lachte mir an einer der Türen entgegen und ich atmete erleichtert aus, als ich leise anklopfte und eine ältere Dame mir öffnete. Ich kannte sie nicht und wunderte mich, wo die junge Erzieherin meiner Tochter abgeblieben war.
»Guten Morgen, Mr. Ruscle! Sie sind sicherlich auf der Suche nach Emily, nehme ich an«, be­gann die alte Dame freundlich zu lächeln und trat aus dem kleinen Raum der Pinguingruppe her­aus, in dem es verdächtig ruhig schien. Was war hier eigentlich los?
»Ist denn irgendwas passiert? Miss Hart hatte meine Ex-Frau versucht zu erreichen, doch die ist momentan im Ausland«, erklärte ich schnell, doch die alte Dame winkte lächelnd ab.
»Keine Sorge, Mr. Ruscle, es hat sich wohl bereits alles geklärt. Emily und Elias – ein Junge aus ihrer Gruppe – hatten eine kleine Auseinandersetzung, doch nun scheint wieder alles gut. Miss Hart ist mit den beiden hinten im Garten.«
Auseinandersetzung? Was sollte das denn bitteschön bedeuten? Das waren schließlich Kinder, wie konnten die bereits 'Auseinandersetzungen' haben? Nickend dankte ich ihr und suchte den Weg nach draußen in den hübschen, kleinen Garten, der direkt hinter dem Gebäude lag.
Erleichtert atmete ich aus, als ich Emily strahlend und lachend im Sandkasten sitzen sah und eilte zu ihr. »Hey, kleiner Sonnenschein! Was machst du denn für Sachen, hm?« Ich drückte meine Tochter an mich und bemerkte nur nebenbei, dass direkt neben uns die junge Frau von eben kniete, mit der ich an der Tür zusammengeprallt war. Vermutlich war sie die Mutter des Jungen, mit dem Emily eine Auseinandersetzung hatte.
»Miss Burke, Mr. Ruscle, machen Sie sich bitte keine Sorgen. Es ist alles in Ordnung, Emily und Elias hatten nur einen kleinen Streit und…«
Verdattert starrte ich die Erzieherin meiner Tochter an und versuchte den Nachnamen, den sie soeben nannte, kurz zu verarbeiten, als plötzlich mein Kopf hochschnellte und ich in ein ebenso schockiertes und viel zu vertrautes Gesicht blickte
»Du

 

2

»Du?«, entkam es uns beiden wie aus einem Mund, als wir uns gegenseitig anstarrten. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Selbst wenn ich meinem Verstand in diesem Moment nicht trau­te, so traute ich zumindest meinen Augen. Sie war es wirklich. Elena Burke – wahrhaftig
»Du meine Güte! Hätte ich gewusst, dass du deine Tochter ausgerechnet in diesem Kindergar­ten anmeldest, dann…«, hörte ich sie aufgebracht murmeln, während ich den kleinen Jungen in ihrem Arm musterte. Er war im selben Alter wie Emily, so schien es mir zumindest, und hatte wu­schelige, lockige, blonde Haare und dieselben, leuchtend blauen Augen wie seine Mutter.
»Sie kennen sich bereits?«, durchbrach die Erzieherin verwirrt die peinliche Stille zwischen uns.
Elena zischte abfällig. »Mehr als mir lieb ist.« Sie warf mir einen eindeutigen Blick zu, den ich nur zu gerne erwiderte.
»Ebenso!«, fauchte ich und nahm Emily auf meinen Arm. Unschlüssig schaute die Erzieherin unserer Kinder zwischen uns hin und her und wusste gar nicht, was sie tun oder sagen sollte.
»Was genau ist denn eigentlich passiert?«, wollte Elena dann aber wissen und wischte ihrem Sohn sanft über die linke Wange, an der er einen leicht blutigen Kratzer zu haben schien. Ich ahnte Böses und sah ungläubig zu meiner Tochter, die sich mit ihren knapp vier Jahren sicherlich niemals mit einem Jungen, geschweige denn mit irgendeinem anderen Kind, anlegen würde. Das tat sie schließlich sonst nie! Ich hoffte inständig, dass nicht Emily die Verursacherin dieses Kratzers war und betete innerlich dafür, dass ich mich nicht auch noch deswegen bei Elena entschuldigen muss­te. Das würde ihr gerade so passen.
»Nun, die beiden spielten heute Morgen drinnen zunächst friedlich, bis ich irgendwann lautes Geschrei aus dem Garten kommen hörte. Und dann fand ich Emily und Elias hier im Sandkasten vor, wie sie sich böse stritten und gegenseitig schubsten.« Elena und ich tauschten bitterböse Blicke, ehe die Erzieherin weitersprach. »Bis ich die beiden wieder auseinander gebracht hatte, lag Emily bereits mit dem Hintern im Sandkasten und Elias vorne dran im Gras«, zuckte Miss Hart entschuldi­gend mit den Schultern, »Emily hat sich nur ein paar Kratzer am Knie zugezogen, genauso wie Elias am Arm und im Gesicht. Es war also nicht ganz so dramatisch am Ende. Dennoch hatten wir Sie dann kontaktiert, da wir nicht sicher waren, ob die beiden sich wieder beruhigen würden.«
Irritiert begutachtete ich meine Tochter auf meinem Arm, die so gar nicht verletzt, wütend oder verweint aussah. Lächelnd vergrub sie ihr kleines Gesicht an meiner Brust, genauso wie Elias bei seiner Mutter. Seltsam! Worüber hatten die beiden sich bloß gestritten?
»Ich verstehe das nicht ganz. Was war denn der Grund ihres Streits? Ich meine, Sie sagen, dass nun doch alles geklärt werden konnte und die beiden wirken auch nicht weiter böse aufeinan­der, daher wundere ich mich, wie es dann überhaupt dazu kommen konnte. Elias hatte noch nie Streit mit anderen Kindern, schon gar nicht schubst und verletzt er kleine Mädchen…«
Kurz musste ich auflachen. »Dir ist schon klar, dass er kein bisschen größer ist als Emily?! Von wegen also 'kleines Mädchen'«, verteidigte ich meine Tochter, was Elena allerdings nur mit einer ge­hobenen Augenbraue kommentierte.
»Es war eigentlich nichts Wildes. Emily wollte nur gemeinsam mit Elias hier im Sandkasten spielen und mit ihm zusammen eine Burg bauen, doch Elias wollte das lieber allein machen. Als Emily dann nicht locker ließ und Elias nicht mehr wusste, wie er sich dagegen wehren kann, schubste er sie von sich und daraufhin ging das Ganze dann erst richtig los«, erzählte die Erzieherin und erneut musste ich laut auflachen. Das klang exakt wie die kurz gefasste Geschichte von Elena und mir…
»Keine Sorge, die beiden haben sich bereits wieder zusammengerafft, bevor Sie beide gekom­men sind. Und die kleinen Kratzer tun auch schon nicht mehr weh, nicht wahr, Emily?« Miss Hart lächelte meinen Sonnenschein an, der daraufhin schmunzelnd nickte und einen verstohlenen Blick zu Elias warf. Ob meine Tochter wirklich mit diesem Jungen befreundet war? Ausgerechnet mit dem Sohn von Elena? Und wie lange ging das eigentlich schon?!
Ich war schier verwirrt und aufgewühlt. Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dieser Frau noch einmal über den Weg zu laufen, auch wenn ich natürlich wusste, dass die Chance dazu gar nicht mal so gering erschien – jetzt, da ich nun wieder in meiner Heimatstadt lebte. Dennoch hatte ich niemals damit gerechnet.
»Okay. Trotzdem vielen Dank, dass Sie mich sofort verständigt haben. Leider konnte ich Ihre Nachricht nicht gleich abhören, da ich unterwegs war und…«
»Und meine private Nummer haben Sie offensichtlich nicht«, fiel ich Elena unhöflicherweise – allerdings mit purer Absicht! – ins Wort und wandte mich an die Erzieherin.
»Äh... genau. Deswegen hatte ich versucht Emilys Mutter, Ihre Ex-Frau, zu erreichen, doch lei­der brach die Verbindung so schnell ab, sodass ich gar nicht mehr nach Ihrer Nummer fragen konn­te«, erklärte sie mir leicht stammelnd und Elena hob erneut nur eine Augenbraue – vermutlich exakt beim Wort 'Ex-Frau.'
»Kein Problem, das war nicht Ihr Fehler, Miss Hart. Ich werde Sie Ihnen morgen früh, wenn ich Emily herbringe, einfach nachreichen. Dann können Sie mich immer kontaktieren, falls etwas vorgefallen ist.« Ich lächelte die Erzieherin an, die augenblicklich erleichtert wirkte.
»Ist gut, vielen Dank, Mr. Ruscle. Das wissen wir wirklich sehr zu schätzen, dass Sie uns Ihre private Nummer anvertrauen und ich kann Ihnen garantieren, dass wir diese keinesfalls missbrau­chen oder weitergeben werden. Versprochen!«
Nickend bedankte ich mich, während Elena nur abwertend die Augen verdrehte. »So, Maus, und wir fahren für heute erst einmal nach Hause, okay? Granny wartet bereits auf uns mit deinem Lieblingsessen«, sagte ich und grinste Emily entgegen, als auch Elena sich von der Erzieherin verab­schiedete.
»Pasta?«, rief meine Kleine laut und voller Vorfreude, als sie mich anstrahlte. Im Augenwinkel erkannte ich ein leichtes Schmunzeln auf Elenas Lippen, das ich jedoch zu ignorieren versuchte. Sie wusste ganz genau, dass es ebenso auch meine Lieblingsspeise war und schmunzelte nur deswegen.
»Mommy, ich hab auch Hunger«, beschwerte sich Elias plötzlich müde an ihrer Brust und schaute erwartungsvoll zu Emily. Erneut ahnte ich Böses, doch noch ehe meine Tochter sich die Freiheit herausnahm, den kleinen Jungen – und Sohn von Elena Burke – zu uns nach Hause und zum Essen einzuladen, verabschiedete ich mich schnell von Miss Hart, nickte Elena nur einmal kurz zu und ging zurück in das urige Gebäude, um Emilys restlichen Sachen zu holen.
Blöderweise schien das Schicksal sich heute ein wenig über mich lustig machen zu wollen, denn meine schnelle Flucht aus dem Garten brachte rein gar nichts. Bereits auf dem kleinen Park­platz vor dem Kindergarten traf ich abermals auf Elias und seine Mutter, deren Wagen direkt neben meinem parkte.
Stumm aber zähneknirschend ging ich auf die andere Seite meines Wagens, um ihr ja nicht noch einmal in die Quere zu kommen, setzte Emily in ihren rosa Kindersitz und schnallte sie an – genauso wie es Elena mit Elias tat. Winkend grinsten unsere Kinder sich durch die Autoscheiben hindurch an, während Elena und ich strikt den Blickkontakt vermieden.
Beinahe verbissen ignorierend öffneten wir beide gleichzeitig die Fahrertüren unserer Wagen, doch ehe wir einsteigen konnten, hörte ich Emily vom Rücksitz laut quengeln. »Daddy, wieso kann 'Lias nicht mit uns essen?« Na, toll! Nun hatte ich das Schlamassel und konnte mich nicht einmal an der winzigen Kleinigkeit erfreuen, dass meine Tochter den Namen ihres Freundes nicht ganz richtig aussprechen konnte und demnach das E von Elias einfach schluckte. Prüfend blickte ich nun doch zu Elena, nur um festzustellen, dass sie es natürlich ebenso mitbekommen hatte wie Elias, der mich freudestrahlend ansah. Perfektes Timing, Emily…
»Engel, Granny wartet doch auf uns bereits Zuhause. Du kannst Elias aber gerne ein anderes Mal zum Essen einladen, okay?« Ich wusste, ich hatte keine Chance gegen meine Tochter, wenn ich nicht sofort einlenkte und ihr mit einem anderen Vorschlag – den sie hoffentlich schon bald vergaß – entgegen kam.
»Aber heute gibt es doch Pasta!«, meckerte meine Kleine dennoch, wozu mir dummerweise nicht so schnell etwas einfiel.
Plötzlich öffnete sich auf der anderen Seite die Beifahrertür und Elena lehnte sich ein wenig in meinen Wagen und lächelte Emily an. »Du darfst gerne bald mal zu Elias nach Hause kommen, kleiner Engel. Dann mache ich auch mal meine berühmte Pasta. Hm, wie klingt das für dich? Hät­test du Lust, uns irgendwann mit Mommy oder Granny zu besuchen und mit uns Pasta zu essen?« Natürlich gefiel es mir absolut nicht, dass Elena diesen Vorschlag machte, dennoch war es wohl in diesem Augenblick einfach das Beste, was sie hätte tun können, um Emily gnädig zu stimmen. Trotzdem entging es mir nicht, dass Elena bewusst nur meine Tochter mit Mutter oder Grandma zu sich nach Hause einlud, nicht mich – ihren Vater. Wieder einmal also ein Seitenhieb, den sie schlicht und offensichtlich nicht vermeiden konnte. Oder wollte.
Nickend grinste meine Tochter Elena an. Sie schien tatsächlich für das Erste zufrieden mit die­sem Vorschlag und winkte Elias durch die Autoscheibe ein letztes Mal zu, ehe sich auch Elena von meiner Kleinen verabschiedete. »Wir sehen uns, kleine Maus.« Elena lächelte Emily liebevoll an, was beinahe mein Herz erweicht hätte. Allerdings nur beinahe!
»Ethan.« Ein knappes Nicken in meine Richtung, jedoch, ohne mich eines Blickes zu würdi­gen.
»Elena«, erwiderte ich ebenso unhöflich und stieg in meinen Wagen.

Auf dem Weg nach Hause musterte ich immer wieder meine Tochter im Rückspiegel. Immer noch konnte ich nicht verstehen, warum der Streit zwischen ihr und Elias dermaßen eskaliert war. Doch wenn ich ehrlich zu mir selbst war und daran dachte, wessen Kinder die beiden waren, dann schien es eigentlich relativ klar und logisch.
Elena war schon immer sehr stur und hatte ihren eigenen Kopf, ließ sich nie etwas sagen und ließ auch nur ungern und selten Nähe zu. Ich hingegen konnte zwar ebenso stur sein, doch ich war dennoch hartnäckiger und kämpfte schlicht für das, was ich wollte. Genauso wie Emily es bisher im­mer tat. Wenn also Elias nur ansatzweise dieselben Charakterzüge besaß wie seine Mutter, wunder­te es mich eigentlich nicht, dass die beiden aneinander geraten waren.
»Schatz?«, platzte es nun doch aus mir heraus, ehe wir Zuhause ankamen. Fragend blickte Emily mich im Rückspiegel an. »Sag mal, ist Elias dein Freund? Ich meine…« Meine Güte, wie for­mulierte man das für ein vierjähriges Kind, dass es auch verstand, was man von einem wollte?!
»'Lias und ich sind die besten Freunde«, kicherte Emily aber auch schon daraufhin los und ließ mich augenblicklich verstummen. Beste Freunde? Wusste man in dem Alter denn eigentlich schon, was das bedeutete?
»Wie... wie kommst du denn darauf, hm? Woher weißt du, dass Elias dein bester Freund ist und nicht jemand anderes?« Ein anderes Mädchen zum Beispiel, dachte ich mir und kaute nervös auf meiner Unterlippe. Dieser ganze Vorfall nahm langsam unheimliche Züge an. Nämlich unheimlich vertraut. Waren Elena und ich nicht auch gerade mal fünf Jahre alt gewesen, als wir die besten Freunde wurden? Und bei uns beiden blieb es schließlich auch nicht lange dabei…
Nach all den Erfahrungen, die ich damit sammeln konnte in meinem Leben, wusste ich nur eins mit Sicherheit: Mann und Frau konnten niemals nur Freunde sein und bleiben. Früher oder später traf es immer einen der beiden und man verliebte sich. Vor allem bei besten Freunden. Natürlich brauchte ich mir da bei Emily und Elias noch lange keine Gedanken darüber machen, doch die Ge­fahr war dennoch da. Zumal dieser Junge ausgerechnet der Sohn meiner ehemaligen besten Freun­din und ersten großen Liebe war.

3

Am nächsten Morgen, als ich Emily anzog, um sie in den Kindergarten zu bringen, schlich sich ein ungutes Gefühl in meinen Magen. Ich wollte Elena nun wirklich nicht wiedersehen müssen, doch seit gestern war mir dummerweise nur zu sehr bewusst, dass es sich auf Dauer nicht vermei­den ließe.
Emily schien mit Elias tatsächlich befreundet, das merkte ich besonders, als ich meiner Mutter gestern von dem kleinen Vorfall im Kindergarten erzählte und diese sich plötzlich wunderte, dass meine Tochter und dieser Junge sich überhaupt über so etwas stritten. Offenbar wusste meine Mut­ter besser als ich, wer die Freunde meiner Tochter waren. Doch scheinbar hatte sie dennoch keine Ahnung davon, wessen Sohn Elias war. Und so schwieg ich mich darüber aus, wollte ihr nichts vom Wiedersehen zwischen Elena und mir erzählen, denn ich wusste, meine Mutter würde mich mit Fra­gen löchern und mich dazu drängen, mich mit Elena auszusprechen. Doch das sah ich gar nicht ein. Mir war es vollkommen egal, wie kindisch ich mich benahm – Elena war auch kein Deut besser!
»Magst du lieber das grüne oder das gelbe Kleid heute anziehen?«, fragte ich Emily, als ich ratlos vor ihrem bereits jetzt schon viel zu großen Schrank stand.
»Grün!«, strahlte sie mich an und deutete auf das grasgrüne Sommerkleid mit bunten Schmet­terlingen drauf. Vorsichtig half ich ihr in die ebenso grüne Strumpfhose, denn die Sonne wärmte momentan nicht so sehr, dass ich es zulassen würde, dass sich meine Tochter beim Spielen im Kin­dergarten erkältete. Kurz begutachtete ich das kleine, rosa Pflaster, das nun seit gestern auf ihrem Knie klebte und fragte sie, ob es noch wehtat. Doch Emily schüttelte unbeeindruckt den Kopf. Sie schien Elias tatsächlich nicht mehr böse wegen dem Streit, was mich doch ein wenig wunderte. Manchmal konnte meine Tochter nämlich ganz schön nachtragend sein, wenn sie nicht das bekam, was sie wollte. Hatte sie ganz offensichtlich von ihrem Vater…

Als wir nur eine halbe Stunde später im Kindergarten ankamen und ich mich von Emily verab­schiedete, spürte ich wieder einmal nur zu deutlich die Blicke der anderen. Hauptsächlich Mütter – junge Frauen, allesamt etwa in meinem Alter, von denen ich sicherlich noch einige aus der Schulzeit kannte. Dennoch starrten sie mich jedes Mal an, wenn nicht Hannah, sondern ich Emily in den Kin­dergarten brachte. Als wäre ich ein antikes Gemälde, das man zu analysieren versuchte. Ich war Schauspieler, verdammt – nicht der Messias!
»Okay, Schatz, dann hab viel Spaß heute mit… den Kindern«, sagte ich und lächelte Emily an, ignorierte die Menschen um mich herum und kniete mich zu meiner Kleinen herunter, um ihr einen Abschiedskuss zu geben und sie noch einmal an mich zu drücken. »Ich hole dich dann wie immer nach dem Mittagessen ab, okay?«, murmelte ich an ihrem Haar und Emily nickte schmunzelnd, während sie sanft an meinen Bartstoppeln zog. Das tat sie seltsamerweise schon immer sehr gerne. »Und falls Elias wieder nicht mit dir spielen will, dann streite dich nicht mit ihm. Du weißt, Schub­sen und jemanden verletzten ist nicht schön und sollte man niemals machen, hast du mich verstan­den?«
Emily presste die Lippen unzufrieden aufeinander und ich wusste, sie würde gleich herumbo­cken, wenn ich ihr nicht direkt den Wind aus den Segeln nahm. Die anderen Kinder waren bereits im Flur und in ihren Gruppen verschwunden und die letzten Mütter verließen auch schon den Kin­dergarten. Dennoch war es mir wichtig, dass meine Tochter noch einmal von mir hörte, wieso das nicht gut war, wenn man sich stritt. »Emily, man kann niemanden dazu zwingen, Zeit mit einem zu verbringen oder mit einem zu spielen. Das geht nicht, Sonnenschein! Nur weil Elias dich vielleicht mal nicht mitspielen lassen will, heißt das nicht, dass er dich nicht mag. Manchmal möchte man ein bisschen allein sein, das kennst du doch auch, nicht wahr? Manchmal möchte man einfach ein biss­chen allein spielen. Und dann darf man niemanden dazu zwingen, etwas zu tun, was er nicht möch­te. Schon gar nicht darf man wegen so etwas streiten und sich gegenseitig wehtun. Versprich mir bitte also, dass du niemanden mehr schubst, okay? Das ist nämlich gar nicht schön und tut dem an­deren nur sehr weh.«
Emily hörte widererwarten meiner langen Predigt aufmerksam zu, auch wenn sie ein wenig vor sich hin schmollte. Dennoch schien sie mich und meine Worte zu verstehen und nickte betrübt, ehe ich ihr noch einen letzten Kuss gab und sie zu ihrer Pinguingruppe lief, in der bereits alle auf sie warteten.
Seufzend erhob ich mich wieder und drehte mich zum Ausgang um, als ich plötzlich ausge­rechnet Elena in der Tür lehnen sah. Stumm schien sie das Gespräch zwischen Emily und mir beob­achtet und vor allem mitgehört zu haben. Ihr Blick war für mich kaum zu deuten, doch die Wut in meinem Bauch, darüber, dass sie uns belauscht hatte, schien diese Tatsache sowieso verdrängen zu wollen.
»Wie der Vater, so die Tochter, was?« Herausfordernd hob sie eine Augenbraue und brachte mich mit ihren Worten beinahe zum Platzen.
»Was willst du mir damit sagen, hm?«, presste ich wütend hervor und stampfte stur an ihr vorbei, durch die Ausgangstür nach draußen.
Natürlich ließ sie es sich nicht nehmen und folgte mir augenblicklich. »Ich meine damit, dass sie den Unterschied nicht zu kennen scheint, ob und wann man Menschen dazu drängen sollte, mit ihnen Zeit zu verbringen. Sei es nur, um eine Sandburg zu bauen«, zischte sie leise und ruhig, was allerdings umso bedrohlicher klang. Noch ehe ich ihr Paroli bieten konnte, warf sie ihre langen Haa­re in den Nacken, reckte ihr Kinn nach oben und stöckelte in ihren High Heels zu ihrem Wagen, der mal wieder neben meinem parkte.
»Halt! So kommst du mir nicht davon!«, eilte ich ihr hinterher und griff nach ihrem Handge­lenk. Grober als ich eigentlich wollte. Erbost blieb sie stehen und versuchte sich sofort aus meinem Griff zu befreien, doch ich ließ es nicht zu, sondern drängte sie mit ihrem Rücken gegen den Luxus­wagen, den sie offenbar ihr Eigen nannte. »Wag es ja nicht, den Hass, den du auf mich hast, gegen meine Tochter zu richten, Elena. Ich warne dich!«, drohte ich ihr ruhig aber bitterernst.
»Ich könnte diesen kleinen Engel niemals hassen, selbst wenn sie zu deinem Ebenbild würde, Ethan«, stellte Elena klar, reckte noch einmal ihr Kinn leicht nach oben und wand sich aus meinem Handgriff. »Ich habe nur das Offensichtliche angedeutet, mehr nicht«, schob sie triumphierend hin­terher, während sie ihre Hände an meine Brust legte und mich sanft aber bestimmt von sich schob. Die unerwartete Berührung löste etwas Gewaltiges in mir aus, etwas, das immer noch leider viel zu vertraut schien, daher verdrängte ich das Gefühl sofort.
»Du willst mir also sagen, dass meine Tochter ganz nach mir kommt und deswegen den Streit mit deinem Sohn hatte? Weil sie ein 'Nein' von ihm nicht akzeptieren wollte?«, fragte ich aufge­bracht, als sie Anstalten machte, in ihren Wagen einzusteigen und zu verschwinden. Protestierend stellte ich mich einfach zwischen ihr und der offenen Fahrertür, sodass sie gar keine andere Wahl hatte, die Sache erst einmal mit mir auszudiskutieren. Ich ließ meiner Tochter doch nicht vorwer­fen, sie würde die Wünsche anderer nicht respektieren wollen. Schon gar nicht von jemandem wie Elena!
»Ja, genau das will ich damit sagen, Ethan«, keifte sie mich an und versuchte mich erneut zur Seite zu stoßen, damit sie endlich einsteigen und davon fahren konnte, doch – wie bereits erwähnt – ich konnte sehr stur und hartnäckig sein, wenn ich wollte. Und gerade war ich in allerbester Streitlaune!
Grinsend sah ich sie an und hoffte sie damit provozieren zu können. »Du willst mir hier ir­gendwas von typischen Verhaltensmustern erzählen, die du von mir auf meine Tochter projizierst, während dein Sohn ganz offensichtlich nicht mit Konflikten zurechtkommt und sich lieber zurück­zieht, wenn es kompliziert wird und man etwas von ihm erwartet? Ernsthaft, Elena? Meinst du nicht, das ist ein bisschen heuchlerisch von dir?« So, das musste gesessen haben – hoffte ich zumin­dest.
Ungläubig und perplex starrte mich Elena mit offenem Mund an, als mir etwas auffiel. »Apro­pos, sag mal, wo ist Elias denn eigentlich? Ich habe gar nicht gesehen, wie du ihn vorhin herge­bracht hast.« Und Emily hatte ihn auch nicht entdeckt, sonst hätte sie mich sicherlich unbeabsichtigt stehen lassen und wäre zu ihm gelaufen.
Elena seufzte kurz, dann strich sie sich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht, das sich in den letzten Jahren kaum verändert hatte, und schaute mir so selbstsicher, wie es ihr in diesem Moment nur möglich schien, in die Augen. »Elias ist heute bei seinem Vater. Deswegen war ich hier. Ich wollte Miss Hart nur kurz Bescheid sagen, dass ich ihn erst ab morgen wieder herbringe.«
Ich spürte deutlich, dass ihr das Thema schrecklich unangenehm schien und auch stark an ihrem Stolz kratzte. Doch sie ließ es sich nicht anmerken. Vordergründig zumindest, denn ich kann­te sie nun mal besser als sie dachte und immer noch besser als mir lieb war. Daher sah ich es ihr problemlos an, wie sie sich in diesem Augenblick wirklich fühlte. So stark und taff, wie sie sich mir gegenüber eigentlich präsentieren wollte, so verletzt und schwach fühlte sie sich innerlich.
»Wusstest du wirklich nichts davon, dass ausgerechnet unsere Kinder in denselben Kindergar­ten gehen und miteinander befreundet sind?« Auch wenn es mir eigentlich widerstrebte, ihr entge­genzukommen, so wollte ich dennoch nicht weiter bei diesem Thema herumbohren und lenkte es daher auf ein anderes.
Erneut seufzte Elena, diesmal tief und lange und blickte abermals zu mir auf. »Nein, ich hatte leider keine Ahnung«, murmelte sie und verzog leicht das Gesicht. »Und du? Was ist mit dir? Wuss­test du etwa auch nichts bis gestern?« Abschätzend musterte sie mich, doch ich schüttelte den Kopf.
»Ich hatte auch keinen blassen Schimmer! Ich wusste ja nicht einmal, dass du überhaupt be­reits Mutter…« Keine Ahnung, warum ich so abrupt im Satz stoppte, aber es schien mir irgendwie unpassend den Satz auszusprechen, auch wenn sie nun sowieso längst ahnen musste, was ich sagen wollte. Dennoch ging sie nicht darauf ein.
»Und was ist mit Hannah? Ich meine, es ist zwar offensichtlich, dass wir uns in diesem Kinder­garten noch nie über den Weg gelaufen sind, aber vielleicht hatte sie mich ja trotzdem mal gesehen und…«
»Ich denke nicht, nein. Häufig bringt entweder ihre oder meine Mutter Emily morgens in den Kindergarten, denn auch Hannah ist seit einiger Zeit wieder berufstätig und ich bin eben nicht im­mer hier«, fiel ich ihr ins Wort, auch wenn es mal wieder sehr unhöflich von mir war. Ich hatte schlicht keine Lust mit ihr über meine Ex-Frau zu reden, offenbar genauso wenig Lust wie Elena hatte, über den Vater von Elias zu reden.
Es war schier seltsam – wir beide, hier, zusammen, unsere Kinder gingen in denselben Kinder­garten und waren nun auch noch die besten Freunde. Fast könnte man meinen, ich lebte in einer reinen Satire, doch so war es leider nicht. Es war die Realität und die konnte auch Elena nicht leug­nen.
»Das heißt also, wir werden uns von nun an häufiger auf die Füße treten, jetzt, da unsere Kin­der befreundet sind?« Es schien, als hätte Elena dieselben Gedanken wie ich in diesem Moment, da­her nickte ich nur zähneknirschend.
»Wir können ihnen ja schlecht den Kontakt zueinander verbieten, nicht wahr?« Ich zuckte mit den Schultern, auch wenn ich, ehrlich gesagt, genau das am liebsten getan hätte. Wenn es nach mir ginge, würde ich Emily von Elias fernhalten. Was natürlich nicht bedeutete, dass der arme Junge et­was dazu konnte und ich ihn nicht mochte. Es lag eben nur ganz allein an seiner Mutter, zu der ich nun wirklich nicht mehr Kontakt als nötig wollte. Nicht schon wieder zumindest.
»Gut, dann… Verhalt dich zur Abwechslung doch auch mal wie ein echter Erwachsener und bring Emily morgen Nachmittag einfach zu uns. Elias wünscht sich sehr, dass die beiden auch nach dem Kindergarten mal bei uns spielen könnten und da ich morgen sowieso Zuhause bin, passe ich auf die beiden auf und du kannst tun, was auch immer du tun willst in deiner ach so selten freien Zeit.« Ein teuflisch überlegenes Lächeln lag auf Elenas Lippen, das mich schier in den Wahnsinn trieb. Das tat es schon immer, nur damals eben auf ganz andere Art und Weise als jetzt.
»Ich verbringe jede freie Minute, die mir gegeben wird, mit meiner Tochter. Heißt also, wenn ich Emily morgen Nachmittag zu euch bringe, damit sie mit Elias spielen kann, werde ich schlicht – wenn auch uneingeladen – auch dableiben und den beiden dabei zusehen.«
»Okay, Ruscle! Du willst es nicht anders, dann gilt für mich natürlich dasselbe wie für dich! Deal? Wenn Elias Emily bei euch Zuhause besucht und mit ihr spielen will, werde auch ich bei ihm bleiben und du musst mich in deinem Haus ertragen. Es wird nicht gestritten, keine Zickereien und auch keine Diskussionen! Ich bin Mutter – du bist Vater, wir sind erwachsen und beide Eltern, also werden wir uns auch genauso verhalten und keine Spielchen miteinander spielen. Haben wir uns verstanden?«
Tja, was blieb mir anderes übrig? Meine Tochter mochte diesen Jungen sehr, also würde ich ihr sicherlich nicht im Weg stehen. »Deal! ...Denke ich.«