BREATHE HARDER

Since you've been Near

L E S E P R O B E

1
Annabelle

Bereits seit einigen Minuten waren Jonah und ich wieder zurück. Zurück aus Kanada, zurück in seinem Haus in den Staaten. Doch noch immer stand ich regungslos und wie angewurzelt vor seiner Türschwelle und starrte die hellgestrichene Fassade an, als würde sie mir verraten, was zur Hölle ich hier tat.
Jonah war nach unserer Ankunft direkt im Haus verschwunden, um Gracey in seine Arme schließen zu können. Ich war froh drum. Denn so bekam er nicht mit, wie ich innerlich durchdrehte und kurz davor stand, einfach abzuhauen. Unbemerkt und unaufhaltsam.
Ich wollte nicht hier sein. Jonahs Haus war wie ein Gefängnis für mich. Seitdem wir heute früh die kanadischen Rocky Mountains und somit die schöne Sommerhütte in den Wäldern verlassen mussten, haderte ich mit mir. Keinesfalls wollte ich länger als nötig weiter bei Jonah bleiben. Schon gar nicht hier – bei Gracey und Emilia, die ich doch nicht einmal kannte. Ich wollte nicht mitten in seinem Familienglück stecken, zwischen ihm und seiner Tochter. Mir war das schrecklich unangenehm und ich fühlte mich unwohl hier zu sein.
Ich wollte nach Hause. Doch gleichzeitig wusste ich nicht wohin mit mir. Zurück in meine kleine WG in Greenfield wollte ich nicht. Ich konnte nicht. Schließlich wäre ich dort beinahe draufgegangen, hätten mich Clara und die anderen nicht bewusstlos gefunden. Ich schämte mich dafür, ihnen das angetan zu haben. Außerdem wusste ich, mich erwartete dort nichts mehr. Kein Job, kein Bruder, der auf mich wartete. Zu meiner Tante, die Ben und mich damals nach dem Tod unserer Eltern bei sich aufgenommen hatte, hatte ich keinen Kontakt mehr. Nicht nachdem sie Ben mit seinem Krebs im Stich gelassen hatte. Ohnehin hatte sie es damals nur auf das Erbe von Mom und Dad abgesehen. Doch das erfuhren mein Bruder und ich erst, als es fast zu spät war.
»Willst du nicht reinkommen?« Ich schrak aus meinen Gedanken und starrte zu Jonah, der mit Grace auf seinem Arm vor mir stand und mich zufrieden lächelnd anschaute. Er sah glücklich aus. Überglücklich. Jonah musste Gracey unheimlich vermisst haben, das wurde mir in diesem Moment wieder einmal bewusst. Mein ehemals bester Freund war nicht mehr der draufgängerische, freche Kerl von damals. Er war verantwortungsbewusst und erwachsen geworden. Jonah war Vater. Und ich sah ihm an, dass er auf nichts anderes mehr stolz war auf der Welt als auf das kleine Mädchen, das mich gerade mit großen, grünblauen Augen musterte.
Ich hatte Gracey bisher noch nicht wach erlebt. Als ich das letzte Mal hier war, hatte sie immer tief und fest geschlummert, sobald ich in ihrer Nähe war. Doch nun war sie hellwach und putzmunter und ihre Augen strahlten mit denen ihres Vaters um die Wette. Würde dieser Anblick nicht so unglaublich schmerzen, würde er mein Herz zum Schmelzen bringen.
»Könntest du sie mal bitte kurz halten? Ich muss da noch was mit Emilia klären, bevor sie geht.« Jonah sah mich erwartungsvoll an und hielt mir Gracey wie eine winzige Trophäe entgegen, ohne meine Antwort abzuwarten. Dabei wollte ich das alles doch gar nicht. Weder wollte ich hier sein, noch wollte ich seiner Tochter zu nahe kommen. Ich wusste, würde ich bleiben und mehr Zeit mit der kleinen Prinzessin verbringen, ich würde sie tief in mein Herz schließen. Zu tief, um sie dort wieder herauslassen zu können. Denn ich wusste, Jonah und ich – das war einmal. Wir würden nie wieder das werden, was wir einmal waren. Schon gar nicht mehr. Und schon bald würde ich zurück in mein altes Leben kehren. Ohne ihn und somit auch ohne Gracey. Deswegen wollte ich sie keinesfalls zu nahe an mich heranlassen. Noch weniger aber wollte ich Emilia begegnen. Daher nahm ich Gracey vorsichtig auf meinen Arm und hoffte so, der Konfrontation mit ihrer Mutter entgehen zu können.
»Ich setz mich solange mit ihr in den Garten, wenn das okay ist?«, fragte ich verunsichert und betete insgeheim, Emilia hätte sich bereits von Gracey verabschiedet, bevor sie gleich zu ihren Eltern nach Illinois fahren würde. Andernfalls würde das bedeuten, dass ich einer Begegnung mit ihr nicht umgehen konnte.
Jonah musterte mich und Gracey einige Sekunden lang, ehe er nickte. »Ich komme gleich nach«, meinte er zuversichtlich und verschwand zurück ins Haus, während ich mit Gracey in Jonahs Garten ging, um mich dort mit der Kleinen auf dem Arm auf die schöne Hollywood-Schaukel zu setzen.
Es war ein seltsames Gefühl, Jonahs Tochter zu halten. Vor allem, weil sie ihm so unheimlich ähnlich war. Nicht nur äußerlich. Die Art, wie sie mich ansah, der neugierige Blick und das breite Lächeln in ihrem Gesicht, es war einfach zuckersüß. Gracey sah glücklich aus, glücklich und zufrieden. Ihr schien es tatsächlich an nichts zu fehlen und ich war sicher, Emilia war eine tolle Mutter. Musste sie schließlich sein, sonst würde Jonah ihr die Kleine nicht anvertrauen, solange er nicht bei ihr sein konnte. Außerdem musste er sie einmal wirklich geliebt haben, wenn er sogar dazu bereit war, eine Familie mit ihr zu gründen und diese Erkenntnis tat wohl von allen am allermeisten weh.
Die Verandatür schwang auf und eine junge Frau trat in den Garten hinaus. Als sie mich und Gracey entdeckte, stoppte sie abrupt und starrte uns beide an. Das musste sie sein. Das musste Emilia sein, denn ich erkannte die leichte Ähnlichkeit zu Gracey, die auf meinem Schoß plötzlich zu zappeln begann, als sie ihre Mutter entdeckte.
»Du musst Annie sein«, sagte Emilia mich abschätzig musternd, was mich schrecklich nervös machte. Nicht nur, weil ich nicht wusste, was sie über mich denken musste. Sondern besonders deswegen, weil ich wusste, wie wichtig sie Jonah einmal war. Oder noch immer ist, sicher war ich mir da nämlich nicht. Gefühle verschwanden schließlich nicht einfach so von heute auf morgen. Das wusste ich wohl am allerbesten. Und so wie mich Emilia in diesem Moment ansah, wusste ich ebenso, sie musste Jonah noch immer lieben. Genau wie ich.
»Ich wollte mich nur noch einmal von ihr verabschieden«, rechtfertigte sich Graceys Mutter mit bitterem Lächeln. Dabei sollte ich eigentlich diejenige sein, die sich ihr gegenüber rechtfertigen sollte. Ich war der Eindringling in diesem Haus, in dieser Familie. Ich war diejenige, die nicht hier sein und ihre Tochter im Arm halten sollte.
Ich versuchte zu lächeln und stand auf, um ihr Gracey zu reichen. »Natürlich. Es ist schließlich deine Tochter«, sagte ich mit leicht bebender Stimme und wollte am liebsten im Erdboden versinken, so sehr schämte ich mich dafür, hier zu sein, während Jonah Emilia, die Mutter seiner Tochter, regelrecht aus seinem Haus warf. Die Situation war mir so unangenehm, wie es eine Situation nur sein konnte und ich hasste Jonah in diesem Moment dafür. Dafür, dass er mich mit Emilia allein ließ und auch dafür, dass er ihr das antat. Dieser seltsame Deal, den sie miteinander hatten, war völlig absurd und ihr gegenüber nicht fair. Emilia tat mir leid, so von ihm behandelt zu werden und das bewies mir nur wieder einmal, dass er sich in dieser Hinsicht zumindest kein bisschen geändert hatte.
Emilia drückte ihre Tochter an sich und küsste sie liebevoll auf die Stirn, während sie mich mit einem merkwürdigen Blick musterte. Einem Blick, den ich nur allzu gut kannte. Denn genau mit diesem Blick sah ich immer all die Mädchen an, die Jonah mit nach Hause nahm. Ich beneidete sie um die Zeit, die sie mit ihm verbrachten und um alles, was er mit ihnen anstellte. Egal, ob er sie nur küsste oder weitaus mehr. Ich beneidete sie um jede seiner Berührungen, jeden seiner Blicke, mit denen er sie ansah. Doch weshalb sollte mich ausgerechnet Emilia beneiden? Es gab keinen Grund dafür. Keinen, außer dem, dass ich bleiben durfte, während sie gehen und ihre Tochter hier lassen musste.
»Ich wusste schon immer, dass du der Grund warst. Auch wenn er es nie zugeben wollte«, wisperte sie so leise, dass ich es beinahe nicht verstanden hätte. »Pass gut auf ihn auf, Annie. Jonah hat ein Happy End verdient.« Mit diesen Worten hauchte sie Gracey einen letzten Kuss auf die Wange und gab sie an mich weiter, bevor sie sich mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen umdrehte und verschwand.
Ich blieb mit Gracey auf meinem Arm zurück und starrte ihr noch eine Weile hinterher, auch wenn sie schon lange nicht mehr zu sehen war. Was zum Teufel meinte sie, ich war der Grund? Für was oder wen? Ich verstand nicht, was sie mir damit sagen wollte. Oder ich wollte es einfach nicht verstehen, weil ich Angst hatte, dass es die Wahrheit sein könnte. Doch das war unmöglich. Es musste unmöglich sein!
»War sie etwa hier draußen?«, hörte ich Jonah fragen, als er aus dem Haus raus in den Garten zu Grace und mir ging und mich besorgt musterte. Er schien zu merken, dass ich aufgewühlt war und legte daher den Kopf leicht schief, um mich so besser betrachten zu können. »Was hat sie zu dir gesagt?«
»Nichts. Sie hat nichts gesagt.« Ich schluckte all meine wirren Gedanken hinunter und gab ihm Gracey.
Jonah glaubte mir kein Wort. »Sicher? Du wirkst nämlich ein wenig verstört.« Vermutlich war ich das tatsächlich. Doch das würde ich niemals vor ihm zugeben. Nicht, wenn ich mir nicht sicher war, was Emilia mir mit ihren Worten hatte sagen wollen. War es wirklich das, was ich dachte, was es war?
Verunsichert sah ich zu Grace und ihrem Vater. »Ich finde es falsch, was du mit Emilia machst. Das ist alles.«
Jonah hob eine Augenbraue. »Falsch? Du weißt doch überhaupt nichts darüber, Schneewittchen. Wie willst du das also beurteilen können?«
»Beth hat mir von eurem seltsamen Deal erzählt. Ich weiß, dass sie jedes Mal gehen muss, sobald du zuhause bei Gracey bist.«
Jonah lachte amüsiert auf. »Und du glaubst dadurch zu wissen, was falsch und was richtig ist?«
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Sie wollte nicht gehen, Jonah. Ich hab es ihr angesehen. Emilia wollte Gracey nicht allein lassen.«
»Gracey ist nicht allein. Ich bin hier. Ich, ihr Vater«, erwiderte Jonah barsch und wirkte mit einem Mal ziemlich verärgert. Was war bloß los zwischen ihm und seiner Ex? Was war damals passiert und weswegen hatten sie sich wirklich getrennt? Mittlerweile glaubte ich nicht mehr an Beths Theorie, es hätte einfach nicht gepasst mit den beiden. Da schien mehr gelaufen zu sein. Die Frage war nur, was.
»Ich finde, es ist ihr gegenüber nicht fair. Sie ist schließlich ihre Mutter.«
Jonah lachte erneut auf. Doch diesmal klang er weniger amüsiert als verbittert. Vielleicht sogar ein wenig enttäuscht. Weswegen, verstand ich jedoch nicht. »Du bist noch immer manchmal ganz schön naiv, Schneewittchen. Ist dir das bewusst?«, fragte Jonah, ohne eine Antwort zu verlangen, die ich ihm ohnehin nicht liefern konnte. Denn seine Worte taten unerwartet weh. Nach all den Jahren schaffte er es wieder mit Leichtigkeit, mich vor den Kopf zu stoßen und mich dumm fühlen zu lassen. So dumm wie damals. Als ich dachte, er würde mich genauso lieben wie ich ihn, nachdem er in unserer letzten gemeinsamen Nacht mit mir geschlafen hatte.
In dieser Hinsicht hatte Jonah scheinbar Recht. Ich war naiv. Naiv zu glauben, er würde seine Versprechen halten können…


Sieben Jahre zuvor

»Annie, hör endlich auf zu schmollen. Mir fällt das alles doch auch nicht leicht.« Ben versuchte mich seit Tagen auf andere Gedanken zu bringen und mich zu trösten, nachdem wir aus Underwood weggezogen waren und nun bei Tante Claire lebten. Dabei hatte er keine Ahnung, was mich zurzeit wirklich belastete. Es war nicht der Umzug selbst oder die mir noch fremde Umgebung, in der ich plötzlich lebte. Es war etwas vollkommen anderes.
»Hat Jonah sich schon bei dir gemeldet?«, fragte ich meinen Bruder vorsichtig und hoffte, mich dadurch nicht zu verraten.
»Wir haben vorhin miteinander telefoniert. Wieso fragst du?« Ben schmunzelte, als würde er es längst ahnen. Dabei hatte ich nie mit ihm über meine Gefühle für Jonah gesprochen. Bis heute nicht.
»Nur so«, erwiderte ich daher schulterzuckend und wollte hinaus in den Garten gehen, damit Ben meine aufsteigenden Tränen nicht sah. Es tat weh zu wissen, dass Jonah mit meinem Bruder Kontakt hatte, sogar mit ihm telefonierte, während er mir nicht einmal eine beschissene Nachricht geschickt hatte, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Es tat unbeschreiblich weh!
»Annie?« Ben hielt mich auf und sah mich prüfend an. »Ist wirklich alles in Ordnung?«
»Sicher«, beschwichtigte ich und starrte gebannt auf meine Schuhspitzen, um Ben nicht in die Augen sehen zu müssen. Ich wusste, darin konnte er mehr lesen als mir lieb war.
»Du verschweigst mir doch irgendetwas«, meinte er dennoch skeptisch und hob mein Kinn sanft nach oben, damit ich ihn anschaute. »Ist irgendwas passiert, von dem ich nichts weiß?«
Ich log. »Nein. Nichts.«
»Wieso bist du dann so seltsam, seitdem wir in Greenfield sind?«, wollte Ben wissen und versuchte mich zu durchschauen.
»Das alles ist nur so ungewohnt. Die neue Stadt, neue Menschen. Und dieses Haus von Tante Claire. Das ist so anders als…«
»Du vermisst Jonah, nicht wahr?«, unterbrach Ben mich, ehe ich meine Ausrede vollenden konnte.
Hart schluckend zuckte ich mit den Schultern, nickte dann aber sachte. »Du etwa nicht?«
Ben lächelte verstehend. »Natürlich fehlt er mir auch.«
Seufzend ließ ich wieder den Kopf hängen. »Hat er irgendwas zu dir gesagt, als ihr telefoniert habt? Irgendwas… über mich?«, fragte ich nervös und hatte Angst, Bens Antwort zu hören.
»Sollte er denn?« Ben musterte mich eindringlich. Ich wusste, ich musste dringend das Thema wechseln, wenn ich mich nicht verraten wollte. Mich und Jonah. Und vor allem das, was in unserer letzten Nacht passiert war. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie Ben darauf reagieren würde.
Gleichgültig schüttelte ich den Kopf. »Schon okay, ich dachte nur…«
»Hat er sich denn nicht bei dir gemeldet, seitdem wir hier sind?«, unterbrach mein Bruder mich erneut. Doch diesmal konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Nicht, nachdem er es ausgesprochen hatte.
»Nicht ein einziges Mal. Dabei hatte er es versprochen«, schluchzte ich leise und versuchte mich zurückzuhalten und nicht wie ein Schlosshund vor ihm loszuheulen. Was würde er sonst von mir denken?
Ben stutzte und wischte mir die ersten Tränen von der Wange. »Hattet ihr Streit, bevor wir nach Greenfield gefahren sind?«, fragte er irritiert. Scheinbar wusste er nichts davon, dass Jonah sich bis heute nicht mehr bei mir gemeldet hatte.
»Nein.« Und das war weiß Gott keine Lüge. Jonah und ich hatten nicht gestritten. Auch nicht, nachdem wir miteinander geschlafen hatten. Stattdessen hatte Jonah mich nach einer halben Ewigkeit, in der wir noch still aneinander gekuschelt auf dem Boden im Baumhaus gelegen und dem Rauschen des Regens zugehört hatten, wohlbehütet nach Hause gebracht und mir versprochen, er würde sich melden, wenn wir in Greenfield waren. Er hatte es versprochen, verdammt nochmal!
»Ist vielleicht etwas anderes zwischen euch vorgefallen?«, fragte Ben verständnislos und versuchte mich zu beruhigen und meine Tränen zu stoppen. Vergebens! Je mehr mir bewusst wurde, dass Jonah mich wie alle anderen Mädchen nur benutzt und danach abserviert hatte, desto mehr liefen die Tränen wie Bäche über meine Wangen.
Schniefend und mit verschwommenem Blick sah ich zu meinem Bruder auf. »Wie kommst du darauf?«
Ben grinste amüsiert. »Ihr habt euch doch noch in der Nacht gesehen, bevor wir gefahren sind. Oder?«
Ich erschrak. »Woher weißt du das?«
»Ich hab dich aus dem Haus schleichen hören.« Das Grinsen in seinem Gesicht wurde breiter. Weswegen, wusste ich jedoch nicht. Was war daran so komisch?
»Und da wusstest du, dass ich zu Jonah wollte?«, fragte ich ungläubig, doch mein Bruder nickte nur.
»Ich hab es mir denken können, ja«, meinte Ben leise und drückte mich an seine Brust, damit ich endlich aufhörte zu weinen. »Was ist passiert, Annie?«
Ich konnte es ihm nicht sagen. Es ging einfach nicht. Stattdessen fragte ich: »Glaubst du, er hat mich vergessen?«
Ben umarmte mich so fest er konnte. »Er wird sich schon noch melden, Annie. Jonah liebt dich genauso wie ich dich liebe. Er würde dich niemals vergessen«, meinte mein großer Bruder ohne jeden Zweifel. Ich aber war mir da nicht mehr so sicher. Außerdem war das genau mein Problem. Ich wollte nicht, dass Jonah mich so liebte wie mein Bruder es tat. Ich wollte von ihm so geliebt werden, wie in unserer letzten Nacht vor einigen Tagen. Doch wie immer war ich zu naiv, zu verstehen, dass Jonah sich in dieser Hinsicht niemals ändern würde.

2
Jonah

Es war mitten in der Nacht, als ich durch das ohrenbetäubende Gebrüll meiner Tochter geweckt wurde. Seit über einer Woche schon schlief sie kaum noch. Und wenn, dann nur sehr kurz. Emilia und ich wussten mittlerweile keinen Rat, waren sogar schon bei einem Kinderarzt deswegen. Der hatte allerdings nichts feststellen können. Zumindest nichts, was darauf hinwies, weswegen Gracey so schlecht schlief. Momentan zahnte sie nicht. Auch sonst gab es keine Anzeichen dafür, was sie wachhalten könnte. Koliken gab es auch keine.
Langsam aber sicher machte ich mir wirklich Sorgen um meine Prinzessin. Dass ich bereits übermorgen wieder abreiste und mit meiner Crew und Annie wegen der Tour nach Alaska flog, unendlich weit weg von Gracey, machte die Sache nicht besser.
Müde quälte ich mich aus dem Bett und ging zu meiner Tochter. Doch noch ehe ich ihr Zimmer betreten konnte, blieb ich verwundert vor der bereits offenen Tür stehen und starrte wie gebannt die Frau an, die noch vor wenigen Wochen keinen Sinn mehr in ihrem Leben sah.
Annabelle schien schneller als ich gewesen zu sein und hielt Gracey vorsichtig in ihren Armen, wiegte sie liebevoll in den Schlaf und erzählte ihr dabei die Geschichte von Arielle, der Meerjungfrau und ihren Freunden.
Ich musste unweigerlich lächeln, als ich mich daran erinnerte, dass die rothaarige Arielle einst Annies Heldin war und Ben und ich den Film mit ihr gefühlte tausend Mal angesehen hatten.
»Hat sie dich geweckt?«, fragte ich, als ich das Zimmer meiner Tochter betrat und den Anblick von Gracey in Annabelles Armen in mich aufsog und tief in meinem Gedächtnis abspeicherte.
Seit der Nacht in meinem Haus in den kanadischen Rockys hatte sich einiges zwischen uns geändert. Ich hatte mich entschuldigt – für alles, was ich ihr damals angetan hatte. Dafür, dass ich nicht da war, als sie mich brauchte und dass ich das Versprechen brach, immer bei ihr zu bleiben. Dass sie mir dennoch nicht verzeihen konnte, war nicht ihre Schuld. Ich verstand es allzu gut. Denn nicht einmal ich selbst konnte mir meine Fehler von vor sieben Jahren verzeihen und hasste mich für den fatalen Entschluss, den ich nach unserer Nacht im Baumhaus damals getroffen hatte. Ich hätte sie niemals gehen lassen sollen. Doch ich war schlichtweg zu feige. Zu feige, ihr meine Gefühle zu gestehen. Und vor allem war ich zu feige, mich gegen das aufzulehnen, was mein Dad – oder sein Verschwinden – aus mir gemacht hatte.
»Zittert sie nachts immer, wenn sie aufwacht?«, wollte Annie nachdenklich von mir wissen und riss mich damit aus meinen Gedanken.
Alarmiert blickte ich zu Gracey in ihren Armen. »Nicht dass ich wüsste. Zumindest hat mir Emilia bisher nichts davon erzählt«, meinte ich besorgt und hoffte, es war eine Ausnahme, dass sie heute Nacht zitterte. »Ist ihr vielleicht kalt? Oder hat sie Fieber?«
Annie schüttelte den Kopf. »Scheint alles okay soweit. Ihre Temperatur hab ich bereits überprüft.«
Ich war überrascht. Wie lange war sie schon wach und kümmerte sich um meine Prinzessin? Oder hatte ich so tief und fest geschlafen, dass ich durch das Schreien erst viel später aufgewacht war? »Irgendwas stimmt nicht mir ihr, glaube ich.«
Annabelle blickte zu mir auf und ich bemerkte, dass sie überhaupt nicht müde aussah. Ihre Augen wirkten hellwach und fokussiert. Anders als meine vermutlich. »Schläft sie die letzte Zeit häufiger so schlecht?«
Ich nickte. »Wir haben es bereits von einem Kinderarzt checken lassen. Es ist ungewöhnlich, dass sie ständig aufwacht und dann kaum noch zu beruhigen ist. Selbst als sie noch kleiner war, hatte sie weitaus länger durchgeschlafen.«
»Vielleicht ist es nur eine Phase. Solange alles andere in Ordnung ist, gibt es keinen Grund sich Sorgen zu machen, Jonah.« Das hatte Emilia auch schon mal gesagt. Sogar der Kinderarzt hatte erwähnt, dass es nur eine Phase sein könnte und es bald von allein wieder besser würde. Doch das war das erste Mal, dass mich diese Worte tatsächlich ein wenig beruhigten. Wahrscheinlich weil sie von Annabelle kamen und ich wusste, ich konnte ihr vertrauen. Bei Emilia war das nicht immer so. Aus gutem Grund. Doch diesen kannte Annie bisher nicht.
»Tut mir leid wegen vorhin«, flüsterte ich niedergeschlagen, als Gracey ruhiger wurde und ihr langsam müde die Augen zufielen, während sie in Annabelles Armen lag.
»Schon gut. Ehrlich gesagt, ich hätte mich nicht einmischen dürfen. Es ist dein Leben und deine Familie. Ich habe kein Recht, darüber zu urteilen. Und schon gar nicht habe ich das Recht, dir Ratschläge zu erteilen.« Annie versuchte zu lächeln. Doch man sah ihr an, wie schwer es ihr fiel.
»Ich finde, eine beste Freundin hat sehr wohl das Recht auf das alles«, widersprach ich leise und meinte meine Worte absolut ernst.
Annabelle aber schüttelte den Kopf. »Die bin ich aber nicht mehr, Jonah. Sieh es endlich ein.« Vorsichtig legte sie meine Tochter zurück in ihr Bettchen, nachdem sie endlich eingeschlafen war, und verschwand im Flur. Die Diskussion schien für sie offensichtlich beendet, daher ergriff sie die Flucht und wollte zurück in das Gästezimmer, in dem sie die Nächte hier in meinem Haus verbrachte, doch ich hielt sie auf.
Mit nur wenigen schnellen Schritten war ich bei ihr und griff nach ihrem Arm, damit sie stehen blieb. »Das sehe ich anders und das weißt du genau«, knurrte ich leise und durchbohrte sie mit meinem Blick. Ich konnte und wollte nicht daran glauben, dass wir nie wieder das sein würden, was wir einmal waren. Ganz egal, was sie sagte. »Nach all den Jahren bist es immer noch du, die mich am besten kennt.«
Annabelle schnaubte abfällig und riss sich von mir los. »Du meinst, jetzt, wo Ben nicht mehr da ist?«
Ich schluckte schwer. »Wir sind immer noch Freunde, Annie. Auch wenn es sich für dich nicht so anfühlt. Noch nicht zumindest.«
Stur blickte sie mir entgegen. »Von wegen! Wir sind Fremde, Jonah. Du hast keine Ahnung von meinem Leben und ich ebenso wenig von deinem. Bis vor kurzem wusste ich ja nicht mal, dass du bereits Vater bist!«
Überrascht hob ich eine Augenbraue. Ich wusste zwar, dass sie wütend war. Die ganze Zeit über hatte sie eine Unmenge an Wut im Bauch. Doch hatte ich bisher keinen Gedanken daran verschwendet, dass Gracey einer der Gründe dafür sein könnte.
»Bist du etwa deswegen so wütend?«, fragte ich nervös und versuchte die Wahrheit in ihren Augen zu finden.
Annie schien jedoch irritiert. »Du meinst, weil du Vater bist?« Ja. Nein. Wer weiß…
Ich schüttelte dennoch den Kopf. »Weil du es nicht wusstest, meine ich.«
Annabelle seufzte und senkte den Blick. Eine Weile schwieg sie, bis sie wieder zu mir aufsah und mit Tränen in den Augen ihren Kopf schüttelte. »Ich bin nur enttäuscht, dass Ben es mir nie gesagt hat. Ganz egal, ob du ihn darum gebeten hast, mir nichts zu erzählen. Ich dachte immer, mein großer Bruder würde mir immer alles sagen, würde niemals etwas vor mir geheim halten und mir alles erzählen.«
Ich versuchte meinen Mund zu halten. Das tat ich wirklich. Ich wusste, würde ich ihn jetzt öffnen, es würde nichts Gutes herauskommen. Es gelang mir trotzdem nicht. Zu schmerzhaft brannten die Worte auf meiner Zunge. »Dein Bruder hat dir so einiges nicht erzählt…«
Annabelle runzelte die Stirn und starrte mich fassungslos an. »Was?«
Ich hasste mich dafür, dass ich ihr die Wahrheit sagte. Gleichzeitig fühlte es sich befreiend an, unendlich befreiend sogar. Wie lange hielt ich dieses Geheimnis in meinem Herzen, um meinem besten Freund nicht zu schaden? Es waren Jahre. Und erst kurz vor Bens Tod hatte ich mich mit ihm über all die Missverständnisse ausgesprochen. Ich wusste von ihm, dass Annie keine Ahnung hatte, was damals wirklich vorgefallen war, wusste, wie sehr sich Ben dafür hasste, ihr das verschwiegen zu haben und wie feige er sich fühlte. Er hatte es dennoch nie übers Herz gebracht, die Wahrheit zu sagen. Er hatte es vor, das hatte er mir bei meinem letzten Besuch bei ihm noch erzählt. Doch der Krebs ließ es nicht mehr zu, er nahm ihm die Kraft und die Stimme, sich bei ihr zu entschuldigen. Es war nun also an mir, dies zu tun. Für ihn. Auch wenn seine dämliche Aktion damals dazu beigetragen hatte, dass ich den größten Fehler meines Lebens begann.
»Was zum Teufel willst du mir damit sagen, Jonah? Was hat mir mein Bruder sonst noch verheimlicht?«, fragte Annabelle ungeduldig und mit zitterndem Körper.
Plötzlich wusste ich, ich konnte es ihr nicht sagen. Nicht jetzt und nicht so. Sie würde es nicht verstehen. Vermutlich würde sie mir nicht einmal glauben und danach einfach abhauen und aus meinem Leben verschwinden. Wieder einmal.
Das konnte ich nicht zulassen. Die Wahrheit musste warten. Solange, bis sie mir endlich vertraute.
»Du solltest jetzt schlafen gehen, Schneewittchen«, sagte ich bestimmt und drehte mich um, um mich schnellstmöglich von ihr zu entfernen.
Annabelle schien jedoch schneller und schnitt mir den Weg ab. »Du kannst mich doch jetzt nicht einfach so stehenlassen«, zischte sie wütend.
»Es ist besser so, glaub mir.«



Sieben Jahre zuvor

»Jonah Reeves, du bist mir eine Erklärung schuldig«, hörte ich meinen besten Freund am Telefon sagen, noch ehe ich ihn begrüßen konnte. Ben und ich hatten schon ein paar Tage nicht mehr miteinander gesprochen. Daher verstand ich auch überhaupt nicht, was er damit meinte. Was für eine Erklärung war ich ihm schuldig? Seitdem er und Annie zu ihrer Tante nach Greenfield gezogen waren, hatte ich mit Sicherheit nichts angestellt, was eine Entschuldigung ihm gegenüber rechtfertigte. Dachte ich zumindest.
»Was hab ich getan?«, fragte ich irritiert und vielleicht ein wenig zu gereizt, um ihn damit nicht noch mehr zu provozieren.
Ben lachte verbittert. »Witzig, dass du das fragt. Dasselbe wollte ich nämlich von dir wissen.«
Jetzt stand ich vollends auf dem Schlauch. Was zur Hölle hatte er für ein Problem? Noch vor ein paar Tagen schien alles in Ordnung. »Ich weiß nicht, was du meinst, Ben. Was ist los? Ist irgendwas passiert?«
»Annie heult sich wegen dir die Augen aus dem Kopf, das ist passiert«, knurrte mein bester Freund und ich verstummte automatisch, während sich mein Herzschlag unweigerlich beschleunigte. Hatte sie es ihm erzählt? Hatte Annabelle mich verraten? »Was zur Hölle hast du getan, Reeves? Ich weiß genau, ihr habt euch nochmal gesehen in der Nacht, bevor wir aus Underwood weg sind.«
Verzweifelt fuhr ich mir durch die Haare und setzte mich langsam mit dem Handy am Ohr auf mein Bett. Ich hätte wissen müssen, dass es ihm auffallen würde. Er war schließlich mein bester Freund und Annies Bruder. Natürlich würde er es herausfinden. Früher oder später musste das einfach passieren.
Seufzend versuchte ich mich trotz besserem Wissen und Gewissen herauszureden. »Ich habe nichts getan. Wir haben nur geredet, mehr nicht.«
»Glaube ich euch nicht.« Ben schien ruhig. Doch genau das beunruhigte mich.
»Euch?«
»Annie beharrt auch darauf, dass ihr nur geredet habt. Glaube ich aber nicht. Ich kenne euch zwei.«
Erneut seufzte ich tief. »Und was ist deiner Meinung nach dann passiert?«, wollte ich wissen, während ich glaubte, mein Herz würde vor Nervosität aus meiner Brust springen.
»Ihr habt gestritten!«, bellte Ben voller Überzeugung und überraschte mich damit ein weiteres Mal, während eine Flut der Erleichterung über mich schwappte. Annie hatte ihm also doch nichts über uns und die letzte gemeinsame Nacht erzählt. Sie hatte mich nicht verraten.
»Wie kommst du darauf?«, fragte ich kleinlaut und schluckte meinen Kloß im Hals herunter.
»Weswegen solltest du dich sonst nicht mehr bei ihr melden?« Berechtigte Frage! Nur konnte ich ihm unmöglich die Wahrheit sagen.
»Hat sie das gesagt? Dass ich mich nicht mehr bei ihr melde?«
Ben dachte gar nicht daran, meine Frage zu beantworten. Ich konnte es ihm nicht verübeln. »Was ist zwischen euch passiert, Jonah? Ich bin ihr Bruder verdammt nochmal!«
»Und mein bester Freund, ich weiß«, bestätigte ich verstehend und wurde wütend. Wütend auf mich selbst, weil ich zuließ, dass das alles geschieht. Und ebenso wütend auf Ben, weil er sich nicht mehr daran erinnerte, dass er der Auslöser für das alles war.
»Was soll das bedeuten?«
»Das bedeutet, du bist selbst schuld«, rutschte es mir unkontrolliert heraus und ich wusste, jetzt war es zu spät. Ich konnte die Wahrheit nicht länger vor ihm verbergen. Zumindest nicht den Teil, an dem er alles versaut hatte.
»Was hab ich denn jetzt damit zu tun? Ich war doch gar nicht bei euch«, beschwerte sich mein bester Freund.
Ich seufzte abermals und holte tief Luft. Ich musste es ihm jetzt sagen. »Erinnerst du dich an die letzte Geburtstagsparty von Kyle?«
»Nicht so richtig. Wieso, was war da?« Ben war ahnungslos wie eh und je.
»Du hattest zu viel getrunken. Viel zu viel.«
»Okay, das ist wohl das Einzige, woran ich mich von der Party erinnere. Und an die höllischen Kopfschmerzen am nächsten Tag werde ich mich wohl mein Leben lang erinnern können«, scherzte mein bester Freund, verstand er schließlich nicht, worauf ich hinaus wollte.
»Ich war auch dort. Weißt du das auch noch?«, fragte ich ruhig und dennoch voller Zorn.
»Nein. Ja. Keine Ahnung. Was hat das alles mit Annie zu tun, Jonah?« Ben wurde ungeduldig und mir wurde wieder einmal bewusst, dass es nichts an all dem ändern würde, wüsste er, was er mit der ganzen Sache zu tun hatte. Ben war nach wie vor mein bester Freund und ich wollte ihn nicht verlieren, auch wenn viele hunderte Meilen zwischen uns lagen. Er war alles, was ich noch hatte. Alles, was mir noch blieb. Ich wollte nicht auch das noch zerstören. Schon gar nicht wollte ich, dass er sich dafür schuldig fühlte und deswegen Ärger oder gar Streit mit Annabelle bekam. Es war besser, sie machte mich allein für alles verantwortlich. Auch wenn das bedeutete, dass sie mich hasste. »Jonah? Was hat Kyles Party mit meiner Schwester zu tun?«
»Nichts. Schon gut. Ich hatte mich gerade nur daran erinnert, wie betrunken du an diesem Abend warst.« …Und dass du mir dort zum ersten Mal die Wahrheit darüber gesagt hast, was du über mich denkst, dachte ich, sprach es aber nicht aus.
Das jedoch machte Ben nur noch ungeduldiger. »Jonah, verdammt! Hör auf in Rätseln zu quatschen und sag mir, was los ist.«
»Ich glaube, Annie hat Gefühle für mich.« Das war nicht gelogen. Und dennoch nicht die volle Wahrheit, allerdings ein Teil des Problems.
»Okay.« Ben schien offensichtlich nicht zu wissen, was er dazu sagen sollte. Kein Wunder, schließlich wusste ich nicht einmal, was ich mir davon versprach, es ihm zu sagen. »Und weiter?«, fragte er seelenruhig, während ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand.
»Und die kann und werde ich nicht erwidern können!« Jetzt war sie raus. Die nächste Lüge, nur um Annabelle vor mir zu schützen.
»Warte, was?« Ben war verwirrt. Weshalb, verstand ich allerdings nicht.
»Deswegen hab ich mich dazu entschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen. Damit ich sie nicht weiter mit meinem Verhalten verletze und sie ihr Leben weiterleben und einen anderen Jungen finden kann. Einen, der sie genauso liebt und nicht jede Woche mit einer anderen in der Gegend umhervögelt. Das ist der Grund, warum ich mich nicht mehr bei ihr melde.«
»Du…« Mein bester Freund schien sprachlos.
»Du kennst sie, Ben. Solange sie Hoffnung hat, gibt sie niemals auf«, versuchte ich ihn auf meine Seite zu holen, auch wenn er nicht die ganze Wahrheit darüber kannte. Ich musste es tun, ich hatte keine Wahl.
Ben schien es ähnlich zu sehen. »Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, ehrlich gesagt«, meinte er nach einer Weile der Stille. Vermutlich musste er all das erst einmal sacken lassen.
»Aber du verstehst, warum ich das tun muss, oder?«, fragte ich mit Nachdruck und hoffte auf seine Vernunft. Er kannte seine Schwester schließlich genauso gut wie ich. »Solange Annie weiter mit mir Kontakt hat, vor allem jetzt, da wir uns ohnehin nicht mehr so oft oder gar nicht mehr sehen werden, wird sie sich an ihre Hoffnung klammern und ihre Gefühle für mich nicht ziehen lassen. Das muss sie aber! Sie lebt jetzt mit dir in Greenfield und muss sich dort ein neues Leben aufbauen, neue Freunde finden. Vor allem aber einen anderen Jungen, dem sie ihr Herz schenken kann. Ich will es nicht. Und ich verdiene es auch nicht. Ich würde ihr nur wehtun, sobald ich mit der nächstbesten ins Bett steige. Ich möchte ihr aber nicht ständig wehtun, Ben. Dafür ist sie mir zu wichtig.«
Wieder war es eine ganze Weile still am anderen Ende, bis ein verzweifeltes Seufzen die Ruhe durchschnitt. »Bist du sicher, dass sie Gefühle für dich hat?«
»Sie hat es ziemlich deutlich gezeigt in dieser Nacht im Baumhaus. Vertrau mir, Ben. Bitte! Ich muss das tun. Sonst wird Annie nicht glücklich in Greenfield.«
Erneut Stille. Dann ein unüberhörbar hartes Schlucken. »Ich vertraue dir, Jonah.« Das überraschte mich jetzt doch. Oder aber er sagte das nur, weil es ihm ohnehin recht war, dass ich mich fern von ihr hielt. »Ich weiß nur nicht, was ich ihr sagen soll, weswegen du dich zwar weiterhin bei mir meldest, jedoch zu ihr keinen Kontakt mehr haben willst.«
»Sag ihr die Wahrheit. Sag ihr, ich kann ihre Gefühle nicht erwidern.«
Ben zögerte. »Das wird sie zerstören, das ist dir klar, oder?«
»Aber nur vorübergehend. Danach hat sie die Chance, endlich glücklich zu werden«, versuchte ich meinen besten Freund zu überzeugen.
Ben zögerte dennoch. »Bist du dir wirklich sicher, dass du das willst, Jonah?« Nein!
»Ich bin mir sicher, ja.«