BREATHE AGAIN

Since you've been Gone

L E S E P R O B E

Prolog
Annabelle

Sieben Jahre zuvor

Verrückt, wie das Leben manchmal so spielte. In der einen Sekunde war ich ein normales Mädchen, ein Teenager im schwierigsten Alter – manchmal aufmüpfig und launisch, wie ein Mensch nur sein konnte. In der nächsten Sekunde war ich Vollwaise und wusste nicht wohin mit all meinen Gefühlen.
Es war eine kalte, regnerische Nacht, in der unsere Eltern meinen großen Bruder und mich für immer allein ließen. Ben stand kurz davor seinen Abschluss an der Jefferson High zu machen und danach nach Montana aufs College zu gehen, um Journalismus zu studieren. Und ich? Ich hatte ebenfalls Träume. Zumindest hatte ich Erinnerungen an Träume, von denen heute nichts mehr übrig schien.
Alles hatte sich von einem auf den anderen Tag geändert und nichts war mehr wie es sein sollte. Die einzigen beiden Konstanten in meinem Leben, die mir geblieben waren, sind Ben und Jonah. Jonah, der beste Freund meines Bruders, den er schon seit dem Sandkasten kannte. Jonah, der seit jeher wie ein zweiter großer Bruder für mich war. Jonah, der unzertrennlich zu Ben und mir gehörte wie das Ying zum Yang. Jonah, der unverbesserliche Weiberheld, der nur mit einer Gitarre und seiner begnadeten Stimme jedes Mädchen um seinen Finger wickeln konnte.
…Jonah, der bis heute nicht wusste, wie unsterblich ich in ihn verliebt war und wie sehr ich mich nach ihm sehnte. Er würde es niemals erfahren, niemals verstehen und deswegen würde ich eines Tages an einem gebrochenen Herzen sterben. Verlassen von meinen Eltern, verstoßen von meinem Bruder, wüsste er von meinen Gefühlen für Jonah, und ungeliebt von dem einen Menschen, von dem ich je geliebt werden wollte.
Das war mein Schicksal, meine Bürde – mein Leben. Und trotz allem würde ich es für nichts in der Welt eintauschen wollen. Denn das, was ich bis zu diesem schicksalhaften Tag hatte, war mehr wert als alles, was man sich nur vorstellen konnte.

 

1
Jonah

Es war weit nach Mitternacht, als ich völlig ausgebrannt und mit einem nicht endenden Rauschen in den Ohren in meiner Garderobe ankam und sich der tobende Applaus und das Kreischen der Fans draußen vor der Bühne langsam legte. Normalerweise hätte das Konzert längst zu Ende sein sollen, doch wie so oft hatten wir mit mehrstündiger Verspätung beginnen müssen und somit hatte sich alles weiter nach hinten gezogen. So weit nach hinten, dass es nun zu spät war. Es war zu spät für mich, Zuhause anzurufen und meinem kleinen Mädchen ein Gutenachtlied zu singen.
Vor dem Konzert fand ich keine Zeit dazu und nun war sie bereits seit Stunden im Land der Träume und ihr Vater hatte sie wieder einmal eiskalt sitzen lassen. Gracey war das alles nicht bewusst, schließlich war sie gerade einmal ein Jahr alt und viel zu klein, um so etwas wie Gewohnheiten wahrzunehmen. Dennoch fühlte ich mich schlecht – wie jedes Mal, wenn ich ihr gegenüber mein Versprechen nicht halten konnte.
»Jonah, alles klar bei dir?« Beth, meine Managerin und mittlerweile gute Freundin, stand plötzlich in der Tür und musterte mich mit sorgenvollem Blick. Sie war eine der wenigen Personen, die von Gracey wussten. Meine Tochter war mein Heiligtum und mein teuerstes Gut. Ich schützte sie vor der Welt, vor allem aber vor der Presse, mit meinem eigenen Leben, so gut wie ich nur konnte. Denn mein Ruf als Musiker war nicht gerade der eines Schmusesängers. Die Medien kannten mich bereits seit Jahren als einen Draufgänger, als einen Typen, der sich um nichts und niemanden scherte, der genauso viele Frauen wie Kohle auf dem Konto besaß.
Dabei war das alles nichts als Schein und hatte nie der Wahrheit entsprochen. Doch als Rockstar nahm dich nun mal niemand ernst, wenn du nicht das verkörperst, was das Klischee versprach. Ich war weder Justin Bieber, noch irgendein pubertierender Bubi einer schmierigen Boyband. Dennoch kannte mich das ganze Land und über zu wenig Ruhm und Aufmerksamkeit konnte ich mich nicht beschweren. Ganz im Gegenteil. Manchmal wünschte ich mir sogar mein altes Leben zurück…
»Der Tag war sehr lang«, wich ich Beths Frage aus, da ich sie nicht noch mehr beunruhigen wollte. Trotzdem schien sie mir meine Gedanken anzusehen. Dafür kannten wir uns einfach schon zu lange und waren zu oft gemeinsam auf Tour, dass ich ihr in dieser Hinsicht etwas vormachen konnte.
»Jonah, ich muss dir etwas sagen«, begann Beth und bedachte mich mit einem Blick, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Meine Managerin betrat meine Garderobe und schloss die Tür hinter sich, was mich alarmiert von der Couch aufstehen ließ.
Irgendetwas war passiert. Ich wusste nicht, was es war und ob es etwas mit Gracey zu tun hatte, doch das konnte ich mir schwer vorstellen. Wenn es um meine Tochter gegangen wäre, hätte Beth mich sogar unter falschem Vorwand mitten im Konzert von der Bühne geholt, dessen war ich mir sicher.
»Was ist los?«, fragte ich nervös und schluckte schwer. Ging es um meine Mom? War sie etwa schon wieder im Krankenhaus? In letzter Zeit hatte sie immer wieder Probleme mit dem Magen. Vielleicht hatten die Ärzte endlich rausgefunden, was es war.
Beth seufzte tief und rang sichtlich nach Worten. »Als du auf der Bühne warst, habe ich einen Anruf für dich erhalten.«
Mein Kiefer spannte sich automatisch an und ich ballte die Hände zu Fäusten. »Was für einen Anruf?« Es hätte schließlich alles und jeder sein können, doch so, wie mich meine Managerin und Freundin ansah, wusste ich, die Nachricht, die sie am Telefon erhalten hatte, war alles andere als gut.
»Es geht um deinen besten Freund. Er…« Ben.
Ich erstarrte. Beth musste nicht weiterreden, denn ich wusste längst, was sie sagen wollte. »Wann?«, fragte ich nur, mehr wollte ich in diesem Augenblick nicht wissen. Mehr würde ich nicht ertragen können. Nicht jetzt.
»Heute Morgen schon. Seine Schwester hatte sich geweigert, dich anzurufen, also hatte mich die Klinik vorhin selbst kontaktiert.« Beth schien mit der Situation ebenso überfordert wie ich, daher trat sie von einem Fuß auf den anderen, unschlüssig, ob sie mich zum Trost umarmen sollte oder nicht.
»Danke«, sagte ich leise und bat sie damit wortlos, mich allein zu lassen.
Verstehend nickte die Blondine mitfühlend, tätschelte mir ein letztes Mal die Schulter und verschwand dann aus der Garderobe, die mit einem Mal viel zu schmal und winzig schien, als das ich hier frei atmen könnte.
Eigentlich wusste ich, es würde eines Tages so kommen. Es war keine große Überraschung. Zwei ganze Jahre hatte ich Zeit, mich darauf vorzubereiten, dass es geschehen würde. Und doch fühlte ich mich in diesem Moment alles andere als erleichtert. Dabei sollte ich es sein. Ben hatte schrecklich gelitten, hatte schon lange kein normales Leben mehr führen können und fürchterliche Schmerzen aushalten müssen. Krebs war erbarmungslos. Und jetzt hatte er mir auch noch meinen besten Freund genommen.
Benommen ließ ich mich zurück auf die Couch fallen und schloss meine Augen. Mein Kopf schien leergefegt und gleichzeitig so voll wie schon lange nicht mehr. Ich wusste überhaupt nicht mehr, was ich denken sollte. Ben war fort. Ben, der mein Leben lang wie ein Bruder für mich war. Ich hatte ihn endgültig an den Krebs verloren und nichts und niemand konnte das alles ungeschehen machen. Niemand konnte ihn mir wieder zurückbringen.
Unweigerlich durchquerten apfelgrüne Augen meine Gedanken, Augen, die mich seit vielen Jahren wie ein Geist überallhin verfolgten, die mich wie ein verdammter Fluch heimsuchten.
Annabelle. Bens kleine Schwester, sie war nun vollkommen allein. Nach ihren Eltern, die vor über sieben Jahren gingen, hatte sie jetzt auch noch ihr großer und einziger Bruder verlassen. Ich hatte keine Ahnung, wie man so etwas überstand. Doch ich war sicher, sie war stark genug dafür. Das war sie schon immer, auch wenn es ihr nicht bewusst schien. Trotzdem kribbelte es in meinen Fingern, als ich daran dachte, wie es ihr in diesem Moment gehen musste.
Nervös griff ich zu meinem Handy und suchte in den Kontakten nach ihrer Nummer, von der ich nicht einmal wusste, ob es ihre aktuelle war. Ich hatte sie vor zwei Jahren von Ben erhalten, kurz nachdem wir erfahren hatten, dass er krank war. Für alle Fälle, hatte er noch zu mir gesagt, als er mir Annies Nummer ins Handy tippte. Dabei wusste er genau, dass seine kleine Schwester und ich seit Jahren keinen Kontakt mehr hatten. Aus gutem Grund. Doch diesen wussten weder Ben, noch Annabelle selbst.
Dennoch kämpfte ich in diesem Augenblick gegen mich selbst an, um sie einfach anzurufen. Nur um einmal kurz ihre Stimme zu hören und mich zu vergewissern, dass es ihr gut ging. Obwohl Beth sagte, dass es ausgerechnet Annie war, die sich nach Bens Tod weigerte, mir Bescheid zu geben, war ich ihr deswegen nicht böse. Wie könnte ich? Sie war nach wie vor wütend auf mich und ich konnte es verstehen. Schließlich hatte ich ihr bis heute keine Erklärung für meinen Kontaktabbruch liefern können. Oder wollen. Dass ich dann weiterhin mit Ben befreundet blieb, als wäre nichts gewesen, sie aber mied, war schlicht unverzeihlich. Ich war nicht blöd, ich verstand das sehr wohl. Und doch musste es so sein…
Seufzend öffnete ich meine Augen und starrte unentschlossen zur Uhr an der Wand. Es war fast tiefste Nacht und doch wusste ich genau, Annabelle war in diesem Moment genauso wach wie ich. Unsagbar müde und dennoch wach.
Mein Daumen glitt wie ferngesteuert über das Display meines Smartphones und wählte ihre Nummer. Es tutete ein paar Mal und mein Herz stand für einige Sekunden still. Zumindest fühlte es sich so an, als ich nach einer halben Ewigkeit plötzlich eine leise Stimme am anderen Ende der Leitung hörte und mein gesamter Körper sich automatisch anspannte.
»Hallo?« Sie war es. Sie war es eindeutig und ohne jeden Zweifel. Es war Annabelle. Doch ihre Stimme jagte mir eine Heidenangst ein. Denn sie klang schrecklich leer. Vor allem aber zerbrechlich. Als würde sie jede Sekunde von innen zerrissen werden. »Wer ist da?«, fragte sie hauchend und ich hörte unweigerlich auf zu atmen. Noch immer hatte ich nichts gesagt. Und dass sie fragen musste, erklärte, dass Ben ihr meine Nummer nicht gegeben hatte. Oder aber sie hatte sie sofort wieder aus ihren Kontakten gelöscht, was verständlich gewesen wäre.
Ich schluckte schwer. »Annie?« Am anderen Ende der Leitung war es plötzlich totenstill. Kurz prüfte ich, ob sie einfach aufgelegt hatte, doch mein Handy zeigte mir weiterhin eine bestehende Verbindung an, also fuhr ich mir verzweifelt durch die Haare und seufzte tief. »Ich wollte mich nur vergewissern, dass es dir gut geht.« Stille. Kein Geräusch, nicht mal ein Mucks war aus dem Hintergrund zu hören. »Geht es dir denn gut?«, fragte ich und hoffte irgendwas von ihr zu hören. Egal was. Und wenn es nur ein Fluchen war. Doch alles, was ich wahrnahm, war ein leises und tiefes Ausatmen. Immerhin. »Annabelle? Sag bitte etwas, damit ich weiß, dass es dir gut geht.« Ein verächtliches Schnauben. »Annie!«
Lautes Tuten ertönte. Fluchend warf ich das Handy gegen die Wand, wo es allerdings nicht einmal zerschellte. Stattdessen ging es mit einem unüberhörbaren Knall zu Boden und ließ mich unbefriedigt zurück.
Sie hatte aufgelegt. Einfach so und ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben. Dabei machte ich mir doch nur Sorgen, verdammt nochmal. Sie klang so fürchterlich fertig, als sie rangegangen war, ohne zu wissen, dass ausgerechnet ich sie so spät noch anrief. Sie klang nicht gut, nicht so, wie ich es in Erinnerung hatte. Und scheiße nochmal, das machte mir Angst.
Ich hatte sie so lange nicht mehr gesehen, viele Jahre schon. Nur von Ben wusste ich überhaupt, wo sie lebte oder was sie dort so trieb. Nur durch ihn wusste ich, dass sie ihren Traum, einmal Medizin zu studieren, schon lange aufgegeben hatte. Wusste der Geier, wieso. Selbst ihr Bruder verstand es nicht und konnte sie nicht zur Vernunft rufen. Jetzt war sie auch noch vollkommen allein. Keine Familie, die ihr auf ihrem Weg folgte oder sie von Dummheiten abhielt. Annie war nun auf sich allein gestellt und musste selbst entscheiden. Und ich war mir nicht sicher, ob sie dafür bereit war. Nicht nachdem ich sie eben gehört hatte. Auch wenn es nur sehr wenige Worte waren, sie hatten genügt, um mir Angst einzujagen und all meine Entscheidungen, die ich einst aus Überzeugung darüber, das Richtige zu tun, getroffen hatte, infrage zu stellen.

Sieben Jahre zuvor

Es war eine klare Sommernacht und die Sterne tanzten funkelnd über unseren Köpfen, als Ben, Annie und ich zum vermutlich letzten Mal gemeinsam auf unserem Baum saßen und hinauf in den Himmel starrten, als wäre er magisch und könnte die Zeit einfach anhalten.
In wenigen Tagen würden mein bester Freund und seine Schwester zu ihrer Tante nach Greenfield ziehen, hunderte Meilen von hier entfernt, und ich würde sie vielleicht nie wieder sehen. Unvorstellbar für uns alle. Erst vor wenigen Wochen hatten Ben und ich unseren Highschool Abschluss auf der Jefferson gemacht, nur wenige Monate, nachdem Bens und Annies Eltern bei einem beschissenen Autounfall ums Leben kamen. Sie konnten nicht einmal auf seiner Abschlussfeier dabei sein, konnten ihn nicht jubeln sehen und würden auch nicht mehr mitbekommen, wie er im Herbst nach Montana aufs College ging, so, wie er sich das immer erträumt hatte.
Nachdenklich warf ich meinem Kumpel einen kurzen Blick über die Schulter zu. Ich war stolz auf ihn und darauf, dass er das alles trotz der schweren Zeit schaffte. Er bewältigte nicht nur sein eigenes Leben, er passte dabei auch noch auf Annie auf. Dabei war er selbst gerade einmal 19 und hatte kaum einen Plan vom wahren Leben, geschweige denn vom Erwachsenwerden.
Es fiel mir schwer, mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass es für Ben und Annabelle besser war, von hier wegzugehen. Zwar wusste ich und verstand auch, warum das so war, doch ich konnte es nicht wahrhaben. Schließlich wollte ich keinen von beiden verlieren.
Ben war wie ein Bruder für mich, seitdem wir uns im Alter von zwei Jahren im Sandkasten einen Sandkuchen geteilt hatten. Wir waren schon immer unzertrennlich, auch wenn wir noch so verschieden waren. Und mit Annie war es genauso. Sie war so etwas wie meine kleine Schwester. Zumindest war sie das für mich früher einmal…
Mein Blick wanderte ganz automatisch vom sternenbedeckten Himmel zu dem Mädchen neben mir, das mit sichtlich traurigen Augen nachdenklich nach oben starrte. Woran sie wohl gerade dachte? Obwohl sie ganze drei Jahre jünger als Ben und ich war, hatte ich oftmals das Gefühl, sie wäre weitaus reifer und erwachsener als wir zwei Kerle zusammen. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb sie mit dem Tod ihrer Eltern wesentlich schlechter zurechtkam als Ben.
Ich wünschte, ich könnte ihr auch nur ansatzweise ein wenig der Trauer nehmen, die sie noch immer verspürte. Doch ich wusste, ich war der Falsche für so etwas. Ich war der Idiot, der Witze riss, wenn ich überfordert war. Und ich war auch der Idiot, der alles ins Lächerliche zog, wenn ich nicht wusste, was ich sagen oder wie ich reagieren sollte. Ich konnte nur selten ernst bleiben. Schon gar nicht, wenn es um solche Themen ging.
Ben wusste das und deswegen hatte es ihn nie gestört, dass ich ihn nach dem Tod seiner Eltern nicht einmal darauf ansprach. Ich hatte ihn lediglich am Tag danach in den Arm genommen, hatte ihn still und kommentarlos weinen lassen und weder er, noch ich verloren danach auch nur ein Wort darüber. Für uns beide war das in Ordnung so. Doch bei Annie war es etwas anderes.
Ich wusste bis heute nicht, wie ich mit ihr umgehen sollte, seitdem das alles passiert war. Früher nahm ich sie ständig in den Arm, wir waren uns häufig sehr nah und keiner von uns beiden fand es auch nur im Geringsten seltsam oder unpassend.
Das hatte sich allerdings geändert. Nicht zuletzt wegen eines ganz bestimmten Vorfalls vor wenigen Tagen. Seitdem schien alles anders – zumindest zwischen ihr und mir. Ben wusste nichts von all dem und merkte die Veränderung gar nicht erst, wofür ich ehrlicherweise dankbar war. Auf seine Fragen, die er stellen würde, hatte ich nämlich keinerlei Antworten.
Als spürte sie meinen Blick auf sich brennen, wandte Annie mir plötzlich ihr Gesicht zu und schaute mich aus ihren unverkennbaren, apfelgrünen Augen an. In diesem Moment erkannte ich wieder einmal, es gab doch eine Antwort für das alles. Doch diese würde weder Ben, noch mir gefallen. Vor allem aber würde sie keinem von uns gut tun. Annabelle am allerwenigsten…

2
Annabelle

 »Ich wollte mich nur vergewissern, dass es dir gut geht.« Jonahs Worte hallten wieder und wieder in meinem Kopf, auch wenn es bereits Tage her war, seitdem er mich aus heiterem Himmel angerufen und mich damit ungewollt mit meinen verdrängten Erinnerungen konfrontiert hatte. Dabei hatte ich nun wirklich größere Probleme, als mich mit diesem Idioten auseinander zu setzen. Schlimmeres, was ich begreifen und verarbeiten musste.
Mein Bruder war verdammt nochmal vor drei Tagen gestorben, wie konnte da mein Hirn dennoch ständig nur an diesen Anruf denken? Vielleicht tat es das auch mit vollster Absicht. Um mich von dem abzulenken, was ich nicht zu denken wagte.
Ben war fort. Für immer von mir gegangen. Und obwohl sein Kampf ein langer und schmerzvoller gewesen war, so konnte und wollte ich es noch immer nicht wahrhaben. Verstehen schon gar nicht. Wie konnte das bloß passieren? Wie war es soweit gekommen, dass mich alle, die ich liebte, verließen? Zuerst meine Eltern, dann Jonah und nun auch noch mein großer Bruder, mein Held.
Ich war allein. Diesmal war ich tatsächlich komplett allein und niemand stand an meiner Seite, um mich vom Fallen aufzuhalten – um mich zu retten. Schließlich war das Bens Aufgabe gewesen. Sein Leben lang hatte er auf mich aufgepasst, so wie es ein großer Bruder tun sollte. Er war immer für mich da, egal, was für einen Blödsinn ich trieb und wie stur ich war. Benjamin gab niemals nach und rettete mich jedes Mal, wenn ich fiel. Und ich fiel verdammt häufig. Mal auf die Nase, mal auf den Hintern. Doch der Aufprall tat nie so weh wie in diesem Moment. Denn jetzt war mein Bruder nicht mehr da, um mich aufzufangen. Er würde es nie wieder tun. Und ich? Ich würde fallen, so tief fallen, dass ich nicht sicher war, ob ich es diesmal zurück auf die Beine schaffte.
»Bist du sicher, dass ich dir nicht mit den ganzen Sachen helfen soll?« Claras Frage riss mich aus den Gedanken. Meine Mitbewohnerin starrte mich bereits minutenlang entgeistert an, so, als wäre ich durchgeschnappt und könne nicht mehr klar denken. Doch was das anging, war mein Kopf mehr als klar.
»Ich kann Bens Sachen nicht einfach wegschmeißen oder der verdammten Wohlfahrt spenden. Das geht auf keinen Fall!« Wie eine Verrückte in ihrem Wahn, stapelte ich unzählige Hemden und T-Shirts meines Bruders in meinen Schrank, auch wenn der längst aus allen Nähten platzte. Schließlich war er winzig – genau wie das Zimmer, das ich seit über einem Jahr bewohnte.
Bens Krankenhausaufenthalte, seine Medizin und die Therapien, die am Ende doch zu nichts führten, kosteten uns ein Vermögen. Zuerst musste das letzte Erbe unserer Eltern daran glauben, dann Bens eigenen Ersparnisse und am Ende war es mein weniges Hab und Gut, das ich für das Leben meines Bruders opferte.
Bis zu seinem Tod wusste er nichts davon, dass sein Geld längst aufgebraucht und seine Rechnungen von mir beglichen werden mussten. Ben hatte keine Ahnung davon, wie kurz wir beide vor der Pleite standen und das war auch gut so. Er hatte auch so genug Sorgen und musste sich mit weitaus schlimmeren Dingen auseinander setzten und sie Tag für Tag irgendwie versuchen zu überstehen.
Ich würde schon irgendwie klarkommen. Sei es mit einem beschissenen Kellnerjob, wie jenem, dem ich seit einigen Wochen im Charlies nachging, um mir zumindest das Zimmer in der WG weiterhin leisten zu können und nicht zu verhungern. Mehr brauchte ich im Augenblick sowieso nicht. Alles, was ich wollte, war meinen Bruder zurück zu bekommen. Doch das würde nicht passieren. Niemand würde ihn mir zurückbringen. Deswegen war mir auch egal, wie es mit mir weiterging.
Als Ben ging, nahm er meine letzten Hoffnungen mit sich. Jetzt hatte ich nichts mehr – weder Träume, noch Ziele. Alles, was blieb, waren Erinnerungen, die so sehr im Inneren schmerzten, wie ein stumpfer Dolch im Herzen. Ich konnte kaum atmen, konnte mich kaum noch bewegen. Und doch funktionierte ich irgendwie. Zumindest für ein paar Tage noch.
»Wann wirst du nach Underwood fahren?«, fragte Clara seufzend und ließ mich beim Klang meiner Heimatstadt automatisch zusammenzucken. Seitdem Ben und ich damals im Sommer vor sieben Jahren zu unserer Tante nach Greenfield zogen, war ich nicht ein einziges Mal nach Underwood zurückgekehrt. Nicht einmal, um Blumen am Grab meiner Eltern niederzulegen. Ich konnte es einfach nicht. Dieser Ort war wie ein Fluch für mich. Es war der Ort, wo mein schreckliches Schicksal begann. Und genau dort würde es offensichtlich auch enden.
»Übermorgen«, erwiderte ich erstickt, als ich daran dachte, dass nun auch mein Bruder seinen letzten Frieden neben Mom und Dad finden würde. So hatte er es sich gewünscht – ein normales Begräbnis, direkt neben dem Grab unserer Eltern in Underwood. So sehr es mich zerriss, ich würde ihm diesen Wunsch selbstverständlich erfüllen.
»Soll ich vielleicht mitkommen? Ich meine, vielleicht wäre es besser, wenn du an diesem Tag nicht allein bist.« Clara wirkte unentschlossen. Wir waren nicht gerade die besten Freunde, eigentlich nicht mehr als gute Bekannte und Mitbewohner. Ich wusste, sie fragte rein aus Höflichkeit. Und ein bisschen vielleicht auch aus echter Sorge. Doch keinesfalls würde ich jemand Fremdes an diesen Ort mitnehmen. Ich wollte mich ein letztes Mal von meinem Bruder verabschieden, so wie er es verdient hatte und mit den Menschen, die Ben kannten und schätzten. Clara gehörte nun wahrlich nicht dazu.
»Danke, ich komm schon zurecht.« Mit meinem Blick gab ich ihr zu verstehen, dass sie mich jetzt besser allein lassen sollte. Ich hatte noch eine Menge Sachen, die ich aus dem Auto hoch in mein WG-Zimmer tragen musste. Sachen, die einst alle meinem Bruder gehörten. Auch wenn es nicht sehr viele waren, so waren sie mir absolut heilig und für nichts auf der Welt würde ich mich von ihnen trennen.
Seltsamerweise war es ausgerechnet Jonah, der mir in diesem Moment wieder in den Sinn kam, als Clara gerade dabei war, mein Zimmer zu verlassen und die Tür hinter sich zu schließen. Ich dachte daran, wie schwer es auch für ihn sein musste. Schließlich war er bis zum Schluss Bens bester Freund, egal, wie viele Meilen die beiden voneinander trennten oder wie lange sie sich manchmal nicht sehen oder miteinander sprechen konnten. Ben und Jonah konnte wirklich nichts und niemand trennen. Ihre Freundschaft war tiefer als alles, was ich bisher gesehen oder erlebt hatte. Egal, was zwischen ihm und mir gewesen sein mag, Jonah musste unter Bens Tod genauso leiden wie ich und so etwas wünschte ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind.
Vielleicht hatte er mich deswegen vor ein paar Tagen angerufen? Wahrscheinlich wusste er genauso wenig wie ich mit der Trauer umzugehen. Dennoch war das kein Grund zu glauben, ich hätte ihm verziehen und zwischen uns wäre dadurch alles wieder gut. Es würde niemals wieder gut werden. Nicht nachdem, was er getan hatte.
Dabei waren wir einmal wie Pech und Schwefel, nichts kam zwischen uns. Egal wie verschieden wir doch waren, wir ergänzten uns perfekt. Er war der selbstbewusste Casanova der Jefferson High und ich der Wissenschaftsstreber, der Bücher und Natur mehr liebte als alles andere. Fast alles.
Dass wir eines Tages dennoch so enden und kein Wort mehr miteinander reden würden, das war damals schlicht unvorstellbar.

Acht Jahre zuvor

»Hast du gesehen, wie gut Cole heute aussieht? Himmel, ich bin sicher, ich hab ihn gute fünf Minuten einfach nur angestarrt, als er vorhin seine Interpretation von Shakespeares Hamlet vortragen musste. Und dann noch dieses enge Shirt, das er heute… Hey! Annie? Hörst du mir überhaupt zu?« Mein Blick glitt vom Tisch ein paar Reihen vor uns zurück zu Hannah, meiner nervigen Freundin, die bereits den ganzen Tag lang nichts anderes tat, als über Cole Escott zu schwärmen. Dabei verstand ich wirklich nicht, was sie an ihm fand. Er sah zwar gut aus, ohne Frage, doch meiner Meinung nach war er einfach nur ein ganz großes Arschloch, das sich gerne über andere Menschen lustig machte, nur um sein eigenes Ego damit aufzupushen.
»Irgendwas mit Cole und engen Shirts, hab ich Recht?«, meinte ich grinsend und spähte kurz wieder zum Tisch, an dem für gewöhnlich Ben und Jonah saßen und mit ihren Freunden zu Mittag aßen – nur dass mein Bruder heute wegen eines Basketballspiels, das am Wochenende stattfinden würde, bereits in der Sporthalle festhing, statt jetzt wie alle anderen Schüler Mittagspause zu machen. Manchmal saß ich mit ihnen zusammen an diesem Tisch. Doch an anderen Tagen bevorzugte ich doch lieber einen anderen. Ich wusste, einige ihrer Freunde mochten mich nicht bei sich sitzen haben und ich konnte es ihnen nicht einmal verübeln. Drei Jahre Altersunterschied mochten vielleicht nicht nach viel klingen, doch auf der Highschool waren das ganze Welten.
Obwohl ich wusste, ich war weder Ben noch Jonah auch nur im Geringsten peinlich, verzog ich mich in solchen Momenten wie jetzt zu meinen gleichaltrigen Freunden. Zwar musste ich mir hier Hannahs Gequatsche über Cole anhören, doch musste ich nicht ständig mitansehen, wie irgendein Mädchen sich ungefragt auf Bens oder Jonahs Schoß setzte und ihnen irgendetwas Dämliches ins Ohr sülzte. Denn genau das passierte gerade wieder.
Während Ben sich von so etwas nie groß beeindrucken ließ und auf anständige Mädchen stand, so fand es Jonah offensichtlich umso interessanter, wenn sich ihm jemand so schamlos an den Hals warf, wie es diese Brünette gerade tat. Kichernd spielte sie ständig an ihren Haaren, rutschte nervös auf seinem Schoß umher und lachte über alles, was aus seinem Mund zu kommen schien. Wie entwürdigend war das bitteschön?
Doch eigentlich war ich es nicht anders gewohnt. Seitdem Jonah aus dem Stimmbruch raus und ihm plötzlich überall Muskeln gewachsen waren, standen die Mädchen Schlange, um einmal mit ihm auszugehen oder zumindest von ihm beachtet zu werden. Bei Ben war es ähnlich, doch ging er damit völlig anders um als sein bester Freund. Mein Bruder bildete sich nichts darauf ein, dass ihm die Mädels zu Füßen lagen. Er nutzte es weder aus, noch schien er wirklich Gefallen daran zu finden, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Ganz anders als Jonah, der sich regelrecht in seinem Ruf als Aufreißer der Jefferson High suhlte. Wüsste ich es nicht besser, würde ich denken, sein Ego hatte das nötig. Tat es aber nicht. Denn ich wusste, wer Jonah wirklich war – was aber leider nicht bedeutete, dass es deswegen weniger wehtat…
»Du starrst ihn schon wieder an!« Hannah warf mir einen wissenden Blick zu.
Ich schnaubte. »Und wenn schon! Er ist mein bester Freund.«
»Beste Freunde starrt man aber nicht so an.« Was sollte denn der Mist schon wieder?
»Ach, und wie starre ich ihn an?«, fragte ich gereizt und schielte erneut rüber zum Tisch ein paar Reihen vor uns, an dem die Brünette längst dazu übergegangen war, mit ihren schmierigen Fingern an Jonahs dunklen Haaren rumzuspielen. Unglaublich primitiv so was! Er konnte doch unmöglich darauf hereinfallen.
Hannah warf ebenfalls einen prüfenden Blick über ihre Schulter und zog dann wie eine Oberlehrerin die rechte Augenbraue hoch. »Okay, ich revidiere. Du starrst nicht ihn, du starrst sie an. Und zwar so, als würdest du sie am liebsten mit deinem Blick auf der Stelle töten wollen.«
»Das ist nicht wahr und das weißt du genau!« Verärgert packte ich meine Sachen, schnappte mir das Tablett mit meinem unangerührten Essen darauf und stand von meinem Platz auf.
»Hey, wo willst du hin? Komm schon, sei nicht eingeschnappt, Annie.«
»Ich bin nicht eingeschnappt, ich hab nur keinen Hunger und möchte vor Bio nur nochmal kurz in die Bibliothek…« Ich kam nicht mehr dazu, den Satz vollständig auszusprechen, denn mit einem Mal flog mir mein Tablett um die Ohren und der ekelhafte Kartoffelbrei landete mitsamt dem ebenso widerlichen Spinat der Schulmensa mitten in meinem Gesicht.
Was zum –?
»Pass das nächste Mal besser auf, wessen Weg du versperrst, kleine Streberhexe«, knurrte jemand dicht an meinem Ohr und auch ohne ihn durch das Zeug in meinem Gesicht sehen zu können, wusste ich, es war Cole Escott, der dämliche Mistkerl. Was hatte ich ihm bloß getan, dass er es plötzlich auf mich abgesehen hatte?
Ein tierisches Gelächter brach aus, als Hannah mir ihre Servietten reichte, um mich damit abzuwischen. Sollte ich sie darauf hinweisen, dass das soeben das Werk ihres ach so anbetungswürdigen Coles war?
Noch während ich versuchte mich weitestgehend von Brei und Spinat zu befreien, hörte ich es erneut laut scheppern und schaute überrascht auf. Diesmal war es Escotts Tablett, das auf dem Boden lag, und Jonah derjenige, der Cole etwas warnend ins Ohr knurrte. Schokopudding klebte überall in Escotts Gesicht und ich musste zufrieden grinsen, als ich seinen ehrfürchtigen Blick erkannte. Jonah war gut einen Kopf größer als er und war weitaus besser gebaut. Außerdem wusste jeder auf der Schule, es war eine dumme Idee sich mit Jonah oder Ben anzulegen.
Dümmer war nur noch, so etwas wie eben mit mir direkt vor ihren Augen zu veranstalten. Wenn es nämlich um mich ging, ließen sie alles und jeden stehen und beschützten oder verteidigten mich – wenn es sein musste, sogar mit ihrem Leben. Das hätte Escott eigentlich klar sein müssen, doch scheinbar hatte sein winziges Erbsenhirn nicht soweit gedacht, als er beschloss, mich als Opfer auszuwählen. Selbst Schuld!
»Das war nicht nötig, ich wäre auch allein mit dem Spinner klar gekommen«, meinte ich schmunzelnd zu Jonah, nachdem er Escott einen ordentlichen Tritt verpasst hatte und mir auf die Mädchentoilette gefolgt war, als wäre es das Normalste der Welt für ihn, sich hier aufzuhalten.
»Weiß ich doch, Sommersprosse. Er hat es aber trotzdem nicht anders verdient«, sagte Jonah schulterzuckend, während ich mir das eklige Zeug aus dem Gesicht und aus den Haaren wusch.
»Und dafür hast du jetzt extra deine neue Flamme sitzen lassen?«, fragte ich leicht bissig. Schließlich wusste Jonah, was ich von seinen Betthäschen hielt. Ich machte nie einen Hehl daraus, dass ich es falsch fand, wie er die Mädchen behandelte. Zumal ich wusste, dass er eigentlich besser war als das. Doch Jonah schien unverbesserlich, was das anging.
»Du weißt doch, für dich lasse ich jede sitzen«, sagte mein bester Freund mit breitem Grinsen im Gesicht und einem lässigen Zwinkern, das unter anderen Umständen mein Herz zum Stolpern gebracht hätte. Doch leider wusste ich nur zu gut, wie er das meinte. Ich war für ihn wie seine kleine Schwester, nicht mehr und auch nicht weniger.
Jonah musterte mich prüfend, als ich mich mit Papiertüchern umständlich zu trocknen versuchte und verzog dann kritisch das Gesicht. »Ich lass dich so garantiert nicht weiter da draußen herumlaufen«, meinte er dann streng und deutete auf mein Shirt, das vom Orangensaft, der ebenfalls auf meinem Tablett stand, völlig durchnässt war. Erst jetzt realisierte ich, dass man durch den weißen Baumwollstoff alles erkennen konnte, was sich darunter befand – wirklich alles!
»Starrst du etwa meine Brüste an?«, schnappte ich entrüstet und hielt mir beide Arme vor meinen Oberkörper.
Jonah knurrte unzufrieden. »Besser ich als irgendein anderen Bastard!« Das klang jetzt sicher anders als es gedacht war, dachte ich, und sah ihm dabei zu, wie er sich seinen Kapuzenpulli über den Kopf zog und nur noch in einem schwarzen Shirt vor mir stand. »Hier, zieh das über. Sonst muss ich dich noch nach Hause fahren, damit du dich umziehen kannst.«
»Aber ist dir dann nicht kalt?«, fragte ich skeptisch, während ich mich umdrehte, um mir mein nasses Shirt aus- und Jonahs Pulli anzuziehen. Sofort kroch die wohlige Wärme, die noch von Jonah stammen musste, in meinen Körper und hinterließ eine nicht endende Gänsehaut.
Als ich mich wieder zu meinem besten Freund drehte, grinste er zufrieden. »Glaub mir, ich friere lieber, als zu wissen, dass dich die ganzen Spanner sabbernd angaffen.« Ich zog eine Grimasse. »Das war ein Scherz, ich friere nicht. Herrgott, es ist Frühling und außerdem bin ich ein Kerl, ich halte das schon aus«, behauptete Jonah schmunzelnd, zog mich sanft zu sich und hauchte mir einen kleinen Kuss auf die Haare, so wie er es immer tat, um mir zu zeigen, dass er für mich da war. Es war eine Art stummes Versprechen und ich hoffte, er würde es niemals brechen.

3
Jonah

Graue Wolken lagen schwer und dunkel wie ein unheimlicher Schleier über dem kleinen Waldfriedhof am Rande von Underwood, der verlassen und still seine Ruhe einforderte. Das letzte Mal, als ich hier war, standen hier noch einige Birken, die zumindest etwas Beruhigendes in das erdrückende Bild von Tod und Endlichkeit hinein brachten. Jetzt allerdings war nichts mehr von ihnen zu sehen.
Es schauderte mich, daran zu denken, mein bester Freund würde hier nun für immer seinen Frieden finden müssen. Er war doch noch so verdammt jung. Ben hatte sein ganzes Leben noch vor sich. Frau, Kinder, Familie. Alles, wovon er immer geträumt hatte. Und doch war heute der Tag seines Begräbnisses. Würde ich nicht hier stehen und es mit eigenen Augen sehen, ich würde es nicht glauben.
Annie ließ ihn direkt neben ihren Eltern beerdigen. Vermutlich war das sein Wunsch. Gesagt hatte er es mir zumindest nie. Auch wenn ich so oft ich konnte bei ihm war und ihn im Krankenhaus oder Zuhause besucht hatte, wir redeten nie darüber, dass es irgendwann vorbei sein würde. So waren wir nun mal nicht und das war auch gut so. Wir genossen die seltene gemeinsame Zeit, die wir die letzten zwei Jahre hatten, quatschten über Sport, über alte Zeiten und manchmal sogar über Gracey.
Ben wusste von meiner Tochter, er wusste, wie es dazu kam, dass es nicht geplant und es trotzdem eines Tages passiert war. Und er war es auch, der wohl am besten wusste, wie dankbar ich für dieses unverhoffte Wunder war. Ben kannte mich besser als jeder andere, vermutlich besser als ich mich selbst kannte. Deswegen stellte er auch keine dummen Fragen, sondern freute sich einfach mit mir. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, er war erleichtert, dass es so gekommen war und dass Grace mein Leben auf den Kopf stellte. Vielleicht weil es seitdem eine Sache weniger war, um die er sich sorgen musste. Nämlich darum, dass mir der Ruhm zu Kopf stieg und ich zusammen mit meinem Ego und meinem verfluchten Selbstzerstörungsdrang eines Tages unterging.
Blieb nur noch Annie...
Bens Schwester war schon immer sein größtes Sorgenkind. Kein Wunder, schließlich war sie eine unglaubliche Träumerin. Zumindest war sie das früher einmal. Annabelle war Bens Ein und Alles – zugegeben, ebenso wie meins. Wann immer Ben nicht in ihrer Nähe war, war ich es, der sie stets vor allem Bösen beschützte. Ich war immer für sie da, so wie auch sie immer für mich da gewesen war. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich alles änderte.
Dass ich Annie nun ausgerechnet auf der Beerdigung ihres eigenen Bruders nach sieben Jahren der Funkstille zum ersten Mal wiedersehen würde, das machte mich nervös. Tierisch nervös! Ich wollte sie so nicht sehen, nicht aus diesem Grund. Nicht weil ihr Bruder tot war.
Dennoch hatte ich nicht gekniffen und fuhr heute Morgen hier her, zurück in unsere alte Heimat. Ich wollte meinem besten Freund die allerletzte Ehre erweisen und bei ihm sein, wenn er seinen endgültigen Weg in die Unendlichkeit ging. Meine Angst, zum ersten Mal nach so vielen Jahren Annabelle gegenüber treten zu müssen, blendete ich daher mühsam aus.

Die Zeremonie schien sich ins Endlose zu ziehen, während es draußen hörbar zu regnen begann. Ich stellte mir vor, wie Ben sich darüber freuen würde. Er liebte den Regen, anders als die meisten Menschen. Und so musste ich unweigerlich schmunzeln, als der Geistliche seine Rede endlich beendete und ein letztes Gebet zu sprechen begann.
Tief durchatmend schaute ich hoch zur Kuppel der kleinen Friedhofskapelle und schloss für einige Sekunden die Augen. Es war an der Zeit – an der Zeit, meinen besten Freund an seine letzte Ruhestätte zu begleiten. Schon als ich die Nachricht bekam, Ben würde heute beigesetzt werden, entschied ich mich dazu, mich freiwillig als Sargträger zu melden. Ehrensache, in meinen Augen. Mein bester Freund hatte es verdient, von mir getragen zu werden. Außer mir gab es nämlich nur noch Annabelle, die ihm näher stand.
Ich war mir sicher, Bens kleine Schwester würde mich dafür hassen, dass ich das tat. Überhaupt, dass ich heute hier war. Doch es war nicht ihre Entscheidung. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann wusste sie, dass ihr Bruder es so gewollt hätte.
Hier und heute ging es nicht um sie und mich. Es ging nicht darum, was ich damals getan hatte und wie sehr ich sie damit verletzte. Es ging nicht darum, sie hintergangen und verlassen zu haben. Es ging nicht um uns beide. Nicht um das, was damals vorgefallen war. Es ging heute einzig und allein um Ben. Um seinen letzten Willen, seinen Frieden.
Annabelle wusste das. Und so würde sie mich ignorieren und ausblenden, sie würde so tun, als wäre ich gar nicht hier, würde mich keines Blickes würdigen und mich deswegen auch nicht wutentbrannt vom Friedhof jagen. Für sie wäre ich unsichtbar und das war sicher auch besser so.

Noch lange, nachdem der Sarg heruntergelassen wurde und die Gäste gegangen waren, stand ich am Grab meines besten Freundes und starrte hinunter in das dunkle Loch, das ihn verschluckte. Noch immer regnete es wie in Strömen, doch das machte mir nichts aus. Ich war glücklich darüber. Heiterer Sonnenschein hätte einfach nicht zu Bens Abgang gepasst. Und so tat uns der Himmel den Gefallen und ließ die Sintflut über unseren Köpfen nieder, so wie mein bester Freund es liebte.
Durch den dichten Regenschleier erkannte ich erst jetzt, dass ich nicht allein war. Annabelle stand direkt neben mir und starrte ausdruckslos hinunter zum Sarg, der mit Erde und unzähligen Rosen bedeckt war. Ich hatte sie schon so lange nicht mehr gesehen, dass ich sie kaum wiedererkannte. Bis eben war sie mir nicht einmal aufgefallen zwischen all den anderen Trauernden und ich hatte auch nicht nach ihr gesucht.
Jetzt aber, da sie direkt neben mir stand, fragte ich mich, wie ich sie bloß übersehen konnte. Natürlich hatte sie sich in den letzten sieben Jahren verändert. Neben mir stand kein 16-jähriges Mädchen, hier stand eine junge Frau, die dem Mädchen von damals lediglich ähnelte. Dennoch wusste ich, dass sie es sein musste. Ich erkannte es an ihren wenigen Sommersprossen, die um ihre Nase und an den Wangen leicht aus ihrer Blässe hervorstachen. Exakt dreizehn an der Zahl, genau wie früher.
Annabelle wirkte abgemagert und schrecklich klein und zerbrechlich. Ihr Blick ging ins Leere und ich war sicher, sie nahm mich nicht einmal wahr. Mit verlaufenem Mascara, der ihr schwarze Schlieren über die weißen Wangen malte, und klitschnassen Haaren verharrte sie stumm und reglos am Grab ihres Bruders, während der kalte Regen uns beiden regelrecht ins Gesicht peitschte.
Annie schien nicht traurig. Viel eher wirkte sie wütend und enttäuscht. Auf was oder wen, konnte ich nur raten. Vermutlich aber auf das verdammte Universum mit all seinen physikalischen Gesetzen und unvorhergesehenen Plänen.
Unsicher darüber, ob ich sie ansprechen sollte oder nicht, war es mein Mund, der sich längst selbstständig machte und ein leises Räuspern meine Kehle verließ. »Witzig, dass es ausgerechnet heute regnet, findest du nicht? Fast so, als hätte Ben das mit Absicht getan«, sagte ich nur halb so locker, wie es klingen sollte. Statt ihr mein aufrichtigstes Beileid zu wünschen oder sie einfach in den Arm zu nehmen, machte ich wieder einmal Witze und zog damit die ganze viel zu ernste Situation ins Lächerliche. Das war so schrecklich typisch für mich, dass ich beinahe erwartete, Annie würde zu mir aufschauen und mir ein müdes Lächeln schenken für so viel Taktgefühl. Stattdessen aber passierte nichts. Weder rührte Annabelle sich, noch reagierte sie auf meinen dämlichen Spruch.
Mit größter Mühe versuchte ich mich zusammenzureißen und nur dieses eine Mal ernst zu bleiben, um ihr das zu sagen, was ich eigentlich hatte sagen wollen. »Ich weiß, ich kann dir die Trauer nicht nehmen und vermutlich bin ich auch der Letzte, den du zurzeit sehen möchtest, doch… Ich wollte dir nur sagen, dass ich für dich da bin. Immer.«
Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, klärte sich Annabelles Blick und plötzlich, für einen winzigen Moment, schien sie mich anzusehen. Oder zumindest durch mich hindurch. Da sie jedoch immer noch schwieg, sprach ich einfach weiter. Denn es war mir wichtig, dass sie es wusste. Dass sie wusste, dass ich immer für sie da sein würde, wenn sie mich brauchte.
»Bitte lass mich wissen, wenn ich irgendetwas für dich tun kann. Falls du jemals etwas brauchst… Oder Jemanden. Ich werde da sein. Hast du verstanden?«
Fassungslosigkeit paarte sich mit siedend heißer Wut und das einst so warme Apfelgrün wurde dunkler. »Du wirst da sein?«, fragte sie vorwurfsvoll. »Du meinst, so wie du auch die letzten Jahre für mich da gewesen bist?«
Ich schluckte hart. Annabelle hatte jeden Grund auf mich sauer zu sein. Ich verstand das. Vor allem jetzt, da sie auch noch ihren eigenen Bruder beerdigen lassen musste. Und doch wusste ich absolut nicht, was ich auf ihre Frage antworten sollte. Daher tat ich das, was schon so lange überfällig war.
»Es tut mir leid, Annabelle. Ehrlich! Es tut mir aufrichtig leid«, entschuldigte ich mich aus tiefstem Herzen. Schließlich wollte ich sie niemals verletzen, ich wollte ihr nicht weh tun.
»Was tut dir leid, Jonah? Dass du verschwunden bist? Dass du mir dafür niemals eine Erklärung geliefert hast? Oder tut es dir leid, dass du die Frechheit besitzt, mich ausgerechnet jetzt und heute darauf anzusprechen?« Es war purer Hass, der aus ihr sprach. Eine Verachtung, die ich bei ihr so noch nie gesehen hatte.
»Alles davon tut mir leid, Annabelle. Und ich erwarte nicht, dass du mir je verzeihst. Ich wollte nur, dass du es weißt, dass du es von mir hörst. Mehr wollte ich nicht.«
Fassungslos schüttelte sie den Kopf. »Verschwinde, Jonah! Tu das, was du die letzten Jahre auch getan hast und lass mich einfach in Ruhe. Du bist schon lange kein Teil mehr meines Lebens und ich bitte dich, belass es auch in Zukunft dabei. Bitte, geh. Geh und komm nie wieder.«
Wie konnte sie das nur einfach so sagen? Gerade jetzt brauchte sie mich, dass wusste sie genauso gut wie ich. Dennoch war mir klar, es war nicht der richtige Zeitpunkt, um mit ihr darüber zu diskutieren. Zumal ich ihr den Tag heute nicht noch schwerer machen wollte, als er ohnehin schon war. Ich hatte gesagt, was es zu sagen gab. Meine Worte waren ehrlich und ich meinte ernst, dass sie sich auf mich verlassen konnte. Ich würde für sie da sein, wenn sie mich brauchte. Falls sie mich brauchte.
Ich wusste, was ich zu tun hatte, und so zog ich wortlos einen Stift aus meinem schwarzen Sakko, den ich heute früh für alle Fälle eingesteckt hatte, gefolgt von einem alten, verblichenem Foto, das ich aus meiner Brieftasche holte. Es zeigte uns drei. Ben, Annie und mich – als alles noch einfach schien und wir die unzertrennlichen drei Musketiere waren, die wir immer sein wollten.
Ohne lange darüber nachzudenken, was ich tat und ob es das Richtige war, schrieb ich Annabelle meine Handynummer auf die Rückseite des Fotos und reichte es ihr. Sie würde schon verstehen. Dessen war ich mir sicher.

Neun Jahre zuvor

»Hey, Annie, nicht so schnell. Warte auf uns!«, schrie Ben, als er hechelnd und mit sichtlicher Mühe versuchte, seiner Schwester und mir mit seinem Board hinterher zu kommen.
»Was heißt hier uns? Du bist der Einzige, der hier so lahm fährt«, korrigierte ich ihn neunmalklug und lachte. »Wenn du noch langsamer machst, kommen wir zu spät zum Essen und wir wissen, wie angepisst eure Mom reagiert, wenn sie warten muss«, sagte ich und erntete ein zustimmendes Nicken der beiden Geschwister, gefolgt von Annies amüsiertem Kichern.
Ben war es nicht gewohnt, auf einem Skateboard zu stehen. Basketbälle waren eher sein Ding. Annabelle hingegen war von Beginn an ein Naturtalent auf dem Board. Gleich nachdem wir es ihr vor zwei Jahren geschenkt hatten, versuchte ich es ihr beizubringen. Mittlerweile fuhr sie schneller und sicherer als ich. Überhaupt schien mir, dieses Mädchen hatte mit ihren 14 Jahren Ben und mich bereits in einigen Dingen überholt. Sie war klüger und intelligenter als jeder andere Mensch, den ich kannte. Selbst ihre Eltern wussten oftmals nicht, worüber sie sprach, wenn sie mal wieder irgendetwas über Neurowissenschaft erzählte. Medizin war Annabelles wahre Leidenschaft, es faszinierte sie wie kaum etwas anderes. Zusammen mit ihrem Interesse an Naturwissenschaften und Literatur war sie zu einem kleinen Genie geworden, das überdurchschnittlich breites wie tiefes Allgemein- und Fachwissen besaß. Es gab selten etwas, was Annie nicht wusste oder es zumindest nicht schon mal gehört hatte. Deswegen galt sie auf der Jefferson als der Musterprimus schlechthin, ganz im Gegensatz zu mir.
Meine Noten waren eher durchschnittlich und mein Interesse, daran etwas zu ändern, eher gering. Für mich reichten sie aus. Ich würde ohnehin nie aufs College gehen. Dazu fehlte meiner Mom schlicht das Geld. Deswegen wusste ich, ich würde nach meinem Highschoolabschluss arbeiten müssen, so wie es meine Mutter damals musste. Sie hatte genauso wenig wie ich die Chance, etwas aus sich und ihrem Leben zu machen und bereute es heute noch. Manchmal fragte ich mich, ob sie es sogar bereute, so früh mit mir schwanger geworden zu sein.
»Jonah, pass auf!« Annies Schrei riss mich aus meinen Gedanken und noch in letzter Sekunde konnte ich dem plötzlich vor mir auftauchenden Zaun mit einem nicht ganz eleganten Sprung ausweichen und drüber hüpfen. Ächzend landete ich samt meinem Board im weichen Gras von Bens und Annies Vorgarten. Im Hintergrund hörte ich Ben belustigt lachen, während Annie erleichtert ausatmete.
»Geiler Stunt, Alter. Sah fast aus, wie gewollt«, sagte mein bester Freund grinsend und reichte mir seine Hand, um mich hoch und auf die Beine zu ziehen.
»Klar, war auch volle Absicht. Kennst mich doch«, erwiderte ich lachend, während ich mein Board vom Boden aufhob und Annie mir ein grinsendes Kopfschütteln schenkte, das ich so mochte.
»Ihr seid beide Spinner, das wisst ihr, oder?«, fragte sie mit funkelnden Augen, in denen sich der glühend rote Sonnenuntergang spiegelte. Es war ein unglaublich schöner Sommertag gewesen, einer der unvergesslichen Sorte, obwohl nichts Besonderes geschehen war. Es reichte, dass meine beiden besten Freunde bei mir waren und wir die Zeit zusammen genießen konnten. Mehr als das brauchte ich eigentlich nicht um glücklich zu sein.
»Und trotzdem liebst du uns, nicht wahr, Sommersprosse?« Zufrieden lächelnd legte ich Annabelle meinen Arm um die Schulter und zog sie so enger an mich, als wir uns zum Haus drehten, um zusammen mit Ben rein zu gehen und Mrs. Parker nicht zu verärgern. Doch im selben Moment trat sie mit einer Kamera um den Hals nach draußen und strahlte uns drei wie ein Honigkuchenpferd an.
»Seht mal, was ich heute auf dem Flohmarkt gefunden habe!«, rief sie und redete, ohne unsere Antwort abzuwarten, einfach weiter. »Eine Polaroid! Seht ihr das? Meine Güte, ich bin ja so aufgeregt. Ich wollte schon immer so eine haben!« Annie und Ben tauschten einen vielsagenden Blick und grinsten sich gegenseitig an. Ich kannte meine Freunde gut genug, um zu wissen, dass sie mit der Polaroid-Sache etwas zu tun hatten und Mrs. Parker nicht durch reinen Zufall diese Kamera heute auf dem Flohmarkt gefunden hatte.
»Netter Zug von euch, Sommersprosse«, flüsterte ich Annabelle ins Ohr und sie lächelte ertappt.
»Wartet! Bleibt so stehen, ich mache ein Foto von euch. Der Sonnenuntergang im Hintergrund ist gerade so schön«, sagte Mrs. Parker plötzlich euphorisch und wie auf Kommando blieben wir drei sofort stehen. Ben links von mir, mit seinem Board in der Hand, Annie auf der anderen Seite, mit meinem Arm ganz fest um ihre Schulter, mit dem ich sie eng an meine Brust drückte. Etwas, das ich häufig bei ihr tat, nur damit sie sich dann an mich schmiegte. Ich mochte das. Es gab mir das Gefühl, sie beschützen zu können. Vor allem aber gab es mir das Gefühl, sie vertraute mir.

4
Annabelle

Grauenvoll nervtötendes Piepsen, das rhythmisch an meine Ohren drang, weckte mich aus meinem ewigen Schlaf. Zumindest nahm ich an, dass ich Stunden geschlummert haben musste, so gerädert und schwach wie ich mich mit einem Mal fühlte. Mühevoll versuchte ich meine Augen zu öffnen, doch das grelle Licht, das mir von der weißen Decke entgegen strahlte, blendete mich, daher schloss ich sie sofort wieder.
Wo zur Hölle war ich? Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass es in meinem WG-Zimmer morgens so verdammt hell war. Zumal ich immer die Vorhänge zuzog, um beim Schlaf nicht von der aufgehenden Sonne gestört zu werden.
Noch einmal wagte ich den Versuch, die Augen zu öffnen, auch wenn es seltsamerweise schmerzte, als das Licht meine Netzhaut traf. Unweigerlich sammelten sich Tränen in meinen Augen – und das irritierte mich. Wie lange hatte ich bitteschön geschlafen? Blinzelnd versuchte ich meine Sicht zu schärfen, um die Quelle des elenden Piepsens ausfindig zu machen. Doch als ich an mir heruntersah und die Nadeln und Schläuche in meinen Armen entdeckte, erstarrte ich.
Was zum Teufel –?
»Hey! Ganz ruhig, alles ist gut. Du bist im Krankenhaus, alles wird gut. Okay?« Das unverkennbare Moosgrün von Jonahs Augen traf mich unvorbereitet. Was machte er hier? Wie kam er hierher und –
»Krankenhaus?«, entfloh es meinen trockenen Lippen entsetzt, als ich den Sinn seiner Worte verstand. Panisch schaute ich mich im Raum um und fand nun auch das dämliche Gerät, das unaufhaltsam vor sich hin piepste. Sofort fiel mein Blick unter das grässliche, weiße Leibchen, das mir angezogen wurde und fand auf meiner Brust die zwei klebenden Plättchen, die dem Gerät kommunizierten, wie schnell und ob mein Herz überhaupt noch schlug.
»Annie, du hattest… Du hast versucht…« Er brach ab. Jonah brach seine Erklärung plötzlich ab und schaute mich sorgenvoll an. Was war nur geschehen? Das Letzte, woran ich mich erinnerte, war –
Mit einem Schlag fiel es mir wieder ein. Jetzt wusste ich, weshalb ich in diesem weißen Raum gefangen und an diese Geräte angeschlossen war. Und es machte mich wütend. Unfassbar wütend! Denn dass ich hier war, bedeutete, dass ich nicht dort sein konnte. Nicht bei ihm. Bei meinem Bruder. Ich wollte ihn doch so gerne wiedersehen, wollte endlich wieder bei ihm sein. Ich hatte das alles hier so satt. Die sinnlosen Jobs, die Menschen um mich herum. Ich hatte mich satt. Und es gab nur noch einen Ort, an dem ich sein wollte. Da, wo auch immer Ben jetzt war.
Enttäuscht und wütend auf mich selbst, dass ich es nicht einmal schaffte, meinem eigenen Leben ein Ende zu bereiten, riss ich mir die Nadel mit der Infusion aus dem Arm, noch ehe Jonah mich daran hindern konnte. Ich wollte hier raus. Und das sofort!
»Annie, hör auf damit, verdammt! Lass das und bleib liegen. Dein Körper ist viel zu geschwächt, du kannst jetzt noch nicht aufstehen.«
»Du hast nicht zu bestimmen, was ich kann und was ich nicht kann, Jonah!«, fauchte ich ihn wutentbrannt an, als er versuchte mich festzuhalten. Scheinbar mühelos hielt er mich an beiden Handgelenken an Ort und Stelle, ohne, dass ich etwas dagegen tun konnte. Jonah war schon immer viel stärker als ich. Und schon immer hatte mich das mächtig auf die Palme gebracht.
»Nach der dämlichen Nummer, die du vorgestern Nacht abgezogen hast, kann ich das sehr wohl, Annabelle«, knurrte er mindestens ebenso wütend wie ich. Dabei hatte er nun wirklich absolut keinen Grund dazu. Ich war diejenige, die betrogen wurde. Von Gott und der ganzen Welt. Mir wurde Stück für Stück alles genommen, was ich hatte. Alles, was ich liebte. Und nun sollte ich einfach weitermachen, als wäre nie etwas gewesen? Als hätte mein verdammtes Leben noch einen Sinn? Schwachsinn!
»Lass mich los, Jonah! Ich weiß, was ich tue, also lass mich endlich los, verdammt. Es hat dich niemand gebeten, her zu kommen. Ich hab dich nicht darum gebeten!« Woher zur Hölle wusste er überhaupt davon? Wer hatte ihn kontaktiert? Die Frage stellte ich mir schon, als Ben gestorben war und Jonah mich noch in derselben Nacht anrief. Woher hatte er wissen können, dass mein Bruder nicht mehr da war?
»Du hast überhaupt keine Ahnung, was du tust, Annabelle. Du bist völlig neben der Spur und kannst nicht klar denken.« Hatte er sie noch alle? Mir auch noch Vorwürfe zu machen. Wo blieb eigentlich die verdammte Schwester, wenn man sie mal brauchte? Warum war ich allein mit diesem Idioten und wer hatte ihn hier reingelassen? »Außerdem…« Jonah hielt mitten im Satz inne und ließ mich langsam los, ohne mich jedoch auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Vorsichtig holte er etwas aus seiner Hosentasche heraus und schmiss es wütend auf die weiße Bettdecke, die mich unter sich begrub. Es war das alte Jugendfoto, das er mir auf der Beerdigung meines Bruders gab. »Das hattest du bei dir, als sie dich bewusstlos in deinem Zimmer gefunden haben.« Verwirrt sah ich zu ihm auf. Ich verstand noch immer nicht, was er mir damit sagen wollte. »Meine Nummer. Sie steht hinten drauf. Deswegen haben sie mich kontaktiert. Sie wussten nicht, wen sie hätten sonst verständigen sollen.« Natürlich nicht. Es gab nämlich sonst niemanden mehr, jetzt, wo auch Ben nicht mehr bei mir war. Jonah war so gesehen der Einzige, der mir geblieben war. Doch ihn wollte ich nicht. Ausgerechnet ihn.
Weswegen war er gekommen? Ich war ihm doch sowieso schon lange egal. Er interessierte sich einen Scheiß für mich, als ich ihn am meisten gebraucht hätte. Wieso also jetzt auf einmal? Von mir aus konnte er bleiben, wo der verdammte Pfeffer wächst. Ich brauchte ihn nicht mehr!
»Dann kannst du ja jetzt wieder gehen. Wie du siehst, bin ich noch am Leben. Du bist also umsonst gekommen.«
Ein lauter Knall ließ mich zusammenzucken. Erschrocken schaute ich zu Jonah auf, der aus purer Wut seine Faust gegen den kleinen Metalltisch gehämmert hatte. Sein Blick spiegelte Fassungslosigkeit und Enttäuschung wider. Weswegen verstand ich jedoch nicht.
»Sag mal, denkst du, ich wäre hier, weil ich dich gerne abkratzen sehen würde? Glaubst du ehrlich, ich wäre deswegen sofort hierhergekommen, weil ich sicher gehen wollte, dass du auch wirklich tot bist? Für was für ein Arschloch hältst du mich eigentlich? Ich habe mir verdammt nochmal Sorgen gemacht. Ich hatte Angst. Panik!« Jonah redete sich gerade erst in Rage. Und ich sah, dass jedes Wort, das seine Lippen verließ, ernst gemeint war. Genauso wie früher immer. Jonah hatte mich niemals belogen. Vermutlich war es für ihn auch deswegen damals einfacher zu gehen und den Kontakt ganz abzubrechen, als mir eine Unwahrheit zu erzählen. Worüber auch immer. »Wie konntest du nur so dumm sein, Annabelle? Glaubst du denn ehrlich, es gibt hier keine Menschen, denen du fehlen würdest? Die dich lieben und denen du unglaubliches Leid damit zufügen würdest?«
Ich konnte nur bitter darüber lachen. Allerdings schien das meinen ehemaligen besten Freund nur noch wütender zu machen. Grob griff er nach meiner Hand und umschloss sie fest mit seiner. »Du wirst mit mir kommen, wenn du hier raus bist.« Es schien keine Frage. Ebenso keine Bitte. Ganz im Gegenteil.
»Was?!«, zischte ich, musste dann jedoch erneut bitter auflachen. Was zum Teufel glaubte er, wer er war? Das hatte er schließlich nicht zu bestimmen.
»Du hast mich schon verstanden. Du wirst mit mir kommen, sobald du aus dem Krankenhaus entlassen wirst. Du hast keine andere Wahl.«
»Sag mal, spinnst du? Natürlich habe ich eine Wahl. Und ich werde auf keinen Fall mit dir kommen. Zu dir und deiner scheiß verrückten Groupie-Schar. Bin ich irre oder was?«
Jonah schnaubte. »Nein. Aber scheinbar lebensmüde. Und die Klinik wird dich nicht gehen lassen, wenn du nicht jemanden nachweislich angeben kannst, der die nächste Zeit auf dich aufpasst. Ich werde derjenige sein und dagegen wirst du nichts tun können. Entweder du kommst mit mir oder du verbringst die nächsten Wochen und Monate in der Klapse.«
»Entweder, oder? Das klingt für mich aber doch nun ganz schön stark nach einer Wahl. Und ich wähle lieber die Klapse, als mit zu dir zu kommen, wo es wahrscheinlich ohnehin nur so von Paparazzi und Presse wimmelt. Was glaubst du, was sie über dich schreiben würden, wüssten sie, dass du eine verrückte Lebensmüde in dein Haus holst?«
Jonah hämmerte seine Faust erneut wütend auf den Metalltisch vor meinem Bett und durchbohrte mich mit seinem Blick. Das Moosgrün seiner Augen, das mich früher einst von Innen wärmte, glühte bedrohlich. Jonah schien felsenfest davon überzeugt, dass ich mit ihm kommen würde, sobald ich die Klinik verließ. Doch da hatte er sich gründlich geschnitten. Nie im Leben würde ich mich freiwillig zu ihm ins Auto setzen und mich zu ihm nach Hause kutschieren lassen. Da, wo mich vermutlich nicht nur Fotografen, sondern auch unzählige heulende, weibliche Fans in Empfang nehmen würden. Ich wusste, wie erfolgreich er mit seiner Musik war. Zumindest hatte ich es immer wieder durch Medien und auch über Ben mitbekommen, wenn er mal wieder einen Hit landete, der dann im Radio rauf und runter gespielt wurde.
Jonah konnte schon immer gut singen. Mit seiner leicht rauen und vor allem tiefen Stimme hatte er damals bereits unzählige Fans auf der Jefferson sammeln können. Dass er noch dazu unglaublich gut Gitarre spielen konnte, war ein Bonus. Jonah war wie geschaffen für die Musikbranche. Und das nicht nur wegen seines Talents. Auch sein übergroßes Ego passte da wirklich fantastisch rein, wie ich fand. Doch das alles schreckte mich eher ab, als dass es mich faszinierte. Deswegen und wegen hundert weiterer Gründe würde ich nie im Leben mit zu ihm kommen, das stand fest.
»Red keinen Blödsinn, Annabelle! Ich werde nicht zulassen, dass du dich so gehen lässt. Auf keinen Fall lasse ich es dazu kommen, dass du in der Psychiatrie landest, nur weil du zu stur oder zu stolz bist, meine Hilfe anzunehmen. Siehst du denn nicht? Du bist nicht allein! Ich bin schließlich hier, verdammt. Ich bin bei dir, Annie. Und so schnell wirst du mich jetzt nicht mehr los, das verspreche ich dir.«
Verzweifelt schaute ich mich in meinem Krankenzimmer um. Ich wusste nicht, was ich tun oder sagen sollte. Keinesfalls wollte ich mit zu Jonah und seinem erfolgreichen Musikerleben. Doch ich kannte ihn. Ich kannte ihn immer noch viel zu gut, um zu wissen, dass er es niemals soweit kommen lassen würde, mich hier zurück zu lassen. Nicht nach dem, was ich getan hatte. Nicht seitdem er wusste, dass ich nicht mehr leben wollte. Jonah würde alles dafür geben, mich mitzunehmen, das war mir bewusst. Er war eben so. Er würde sich kümmern. Das wusste ich. Doch das war nicht das, was ich wollte. Nicht das, was ich aushalten konnte. Nicht seine Nähe, nicht schon wieder. Denn er verstand nicht. Jonah verstand nicht, dass ich ihn nach all den Jahren immer noch liebte.

Acht Jahre zuvor

Zufrieden grinsend schlängelte ich mich durch die vielen Menschen in Jonahs Wohnzimmer, die sich mal mehr mal weniger rhythmisch zum Takt der Musik ausgelassen bewegten. Mein bester Freund schmiss mal wieder eine seiner berühmten Partys. Seine Mom war seit einigen Tagen verreist und so hatte er das Haus für sich allein. Ich wusste, ich konnte mich glücklich schätzen, dabei sein zu können. Schließlich war ich ganze drei Klassenstufen unten all denen, die eingeladen wurden. Niemand außer mir in meinem Alter war hier. Niemand aus meiner Stufe. Schließlich wäre das uncool und Jonah hatte einen ziemlichen Ruf weg.
Er war beliebt und bekannt wie ein bunter Hund, einer der begehrtesten Jungs. Genauso wie mein großer Bruder, auf den ich mächtig stolz war. Er war Captain des Basketballteams und wirklich talentiert. Jonah hingegen war mehr der athletischere von beiden. Zwar hatte er auch ganz schön viele Muskeln in den letzten Jahren bekommen, trainierte er schließlich immer mit Ben. Doch er war weniger bullig und breit. Eher sportlich agil. Mit einem dennoch äußerst nett anzusehenden Sixpack, den ich im Sommer so gerne bestaunte. Mein bester Freund joggte gern und viel. Verstehen konnte ich das nicht wirklich.
Ich hasste Sport im Allgemeinen. Zwar fuhr ich gern Fahrrad, spielte mit Ben und Jonah hin und wieder auch mal Fußball oder kletterte viel, wenn ich die Möglichkeit bekam. Doch richtig aktiv war ich nicht. Zumindest nicht regelmäßig, so wie die beiden es immer waren. Ich schnappte mir viel lieber mein schönes Board, das ich vor zwei Jahren als Gemeinschaftsgeschenk von meinem Bruder und Jonah zu meinem Geburtstag bekam und ging skaten. Oder ich las ein Buch, so wie die meiste Zeit eigentlich.
Erst vor wenigen Wochen wurde mein bester Freund 18. Jonah hatte seinen Geburtstag nicht feiern wollen. Er wusste schon damals, dass seine Eltern bald verreisen würden und verschob die Party daher. Auf den heutigen Tag, genau genommen. Zwar hatten Ben und ich ihm natürlich schon damals gratuliert und hatten mit ihm in seinen echten Geburtstag reingefeiert, doch erst heute sollte die richtige Feier steigen. Und so hob ich mir mein Geschenk für ihn bisher auf.
Es war ein handsignierter Baseball von einem seiner Idole – Billy Mitchell. Ich hatte das ganze Jahr darauf gespart, ihn kaufen zu können. Mein gesamtes Taschengeld ging dafür drauf. Nun gut, beinahe das Gesamte. Hin und wieder gönnte ich mir schon noch ein Eis oder einen Kinobesuch. Ich wusste, Jonah würde sich wahnsinnig darüber freuen. Und ich konnte es daher auch kaum noch erwarten, ihm mein Geschenk geben zu können.
Ich hoffte, er würde dadurch merken, wie viel er mir bedeutete. Mehr als er bisher ahnte. Ja, ich hoffte so sehr, er würde verstehen, dass ich mehr als nur das kleine Mädchen war, das er immer beschützte. Mehr als seine beste Freundin. Ich wünschte, er wüsste endlich, wie verliebt ich in ihn war. Und das nun schon seit so vielen Jahren. Jonah war mein Held. Neben meinem Bruder war er der Dreh- und Angelpunkt meines Lebens und ich wünschte mir so sehr, dass er genauso für mich empfand wie ich für ihn.
Als ich Ben draußen im Garten fand, war meine Hoffnung groß, auch Jonah schnell zu finden. Doch ich entdeckte ihn nirgends. Nicht am Pool und auch nicht zwischen all den anderen, die am großen Tisch auf der Terrasse saßen und Poker spielten.
»Annie, was ist los? Suchst du jemanden?« Mein Bruder bemerkte die Unruhe in mir. Wo steckte Jonah nur? Er konnte doch nicht einfach so verschwunden sein. Nicht in seinem eigenen Haus. Und schon gar nicht auf seiner eigenen Party.
»Hast du Jonah vielleicht irgendwo gesehen? Ich wollte ihm doch noch mein Geschenk geben.«
Ben grinste. »Ich bin mir nicht sicher, aber ich meine, ich hab ihn vorhin hochgehen sehen. Vielleicht ist er ja in seinem Zimmer? Hast du da schon nachgeschaut?« Nein, hatte ich tatsächlich nicht. Ich ging nicht davon aus, dass mein bester Freund seine gigantische Geburtstagsfeier ausgerechnet in seinem Zimmer verbringen würde. Wer machte so was auch?
Mit einer kurzen Umarmung bedankte ich mich bei meinem großen Bruder und hüpfte hoffnungsvoll die Treppen rauf. Jonahs Zimmertür schien geschlossen, doch da ich nicht wusste, wo er hätte sonst sein sollen, klopfte ich leise an. Einige Sekunden verstrichen, doch niemand antwortete. Ich klopfte ein zweites Mal, diesmal deutlich lauter. Bis plötzlich eine unüberhörbar genervte aber weibliche Stimme nach draußen drang.
»Was ist?!« Erschrocken wich ich von der Tür zurück und starrte diese entgeistert an. War das etwa… Chloe?! Chloe Thornton, die zukünftige Ballkönigin und Prinzessin der Schule? Chloe Thornton, die mich seit der ersten Klasse wie ein Stück Dreck behandelte, nur weil ich Bens kleine Schwester war und deswegen immer mit den beiden Jungs unterwegs sein durfte. Das war unmöglich! Jonah würde niemals mit ihr…
Noch ehe mir klar wurde, was hinter der geschlossenen Tür meines besten Freundes geschah, wurde eben diese wutgeladen aufgerissen und die schlammbraunen Augen von Chloe Thornton starrten mich verwundert aber angewidert an. »Was willst du, Parker? Hier ist nur Erwachsenen der Zutritt gestattet. Verschwinde also schnell, du kleine Hexe, bevor du etwas zu Gesicht bekommst, das dich Nachts nicht mehr schlafen lässt.«
Nicht nur, dass sie mich als kleines, dummes Mädchen darstellte, nur weil ich drei Jahre jünger war als sie. Wieder einmal nannte sie mich Hexe. Wegen meiner roten Haare natürlich. Wie einfallslos war das bitte? Und doch verletzte es mich unerwartet schwer. Nicht, weil sie all diese Dinge ausgerechnet vor Jonah sagte, der plötzlich hinter ihr stand. Es verletzte mich zu wissen, dass mein bester Freund ausgerechnet mit diesem grauenvollen Mädchen rumgemacht hatte. Oder weiß Gott noch mehr als das.
Nur mit größter Mühe schluckte ich meinen dicken Kloß im Hals hinunter, um mir nicht die Blöße zu geben, ausgerechnet vor Chloe loszuheulen wie ein kleines Kind, für das sie mich ohnehin hielt. Mit zittrigen Fingern hielt ich meinem besten Freund mein in moosgrünes Papier verpacktes Geschenk entgegen und lächelte ihn gequält an.
»Ich wollte dir nur das hier geben«, quetschte ich hervor, »Wollte euch nicht stören, tut mir leid.« Und mit diesen Worten drehte ich mich um und wollte nur noch weg von hier. Ganz schnell weg.
Doch anstatt der Treppe, die mir mit jedem weiteren Schritt entgegenkommen sollte, spürte ich einen Sog von hinten und wurde plötzlich an Jonahs Brust gedrückt. Offenbar hatte er mich an meiner Hand zu sich zurückgezogen und presste mich nun eng an sich. Ich war völlig überrumpelt von seiner Reaktion, weswegen ich nur erschrocken in Chloes verwirrtes Gesicht sehen konnte.
»Raus! Sofort!«, knurrte Jonah ungehalten aber ruhig, während er mich fest in seine Arme schloss. Chloe schien nicht zu verstehen. Ich jedoch ebenso wenig. Wollte er sie etwa tatsächlich rausschmeißen? Aus seinem Haus? Da Chloe immer noch keine Anstalten machte, sich vom Fleck zu bewegen, geschweige denn zu verschwinden, griff mein bester Freund grob nach ihrem Arm und zerrte sie aus seinem Zimmer. »Verschwinde von hier, Thornton! Mit jemandem wie dir will ich nichts zu tun haben, du verdammtes Biest! Verschwinde sofort aus meinem Haus und nimm deine verblödeten Freundinnen gleich mit. Ich bin fertig mit euch!« Jonahs bedrohliche Stimme vibrierte in meinem ganzen Körper und endlich schien Chloe aus ihrer Starre erwacht und rührte sich.
Fauchend drehte sie sich um und stolzierte wild um sich fluchend die Treppen hinunter. Ich wusste nicht, was ich von all dem halten sollte. Schließlich hatte Jonah sie sicherlich zuvor noch geküsst. Und jetzt? Er schmiss sie einfach so raus. Und das nur wegen mir. Was hatte das zu bedeuten? Wusste er überhaupt nichts von Chloes und meiner Rivalität? Sonst hätte er sie sicher nicht mit auf sein Zimmer genommen. Oder?
Scheu sah ich zu ihm auf und das vertraute, warme Moosgrün seiner Augen gab mir Halt. »Tut mir leid. Ich wollte nicht, dass das passiert. Ich wusste nicht, dass du hier oben bist. Mit ihr…«, flüsterte ich leise. Doch Jonah lächelte nur. Entschuldigend und beschämt. Weswegen, verstand ich jedoch nicht. »Ich wollte dir nur dein Geschenk geben, ehrlich. Garantiert wollte ich euch nicht stören, bitte glaub mir.« Obwohl ich in diesem Moment ziemlich froh war, die beiden gestört zu haben.
»Hör auf dich zu entschuldigen, Annie. Es war nicht deine Schuld. Ich hätte mich nicht auf diese Schnepfe einlassen sollen, das hätte ich eigentlich wissen müssen. Wir alle kennen schließlich ihren Ruf, nicht wahr?« Jonah grinste, hielt mich jedoch weiter in seinen Armen.
»Es tut mir trotzdem leid. Ich wollte dir deine Feier nicht vermasseln.«
Jonah lachte und zog mich mit sich in sein Zimmer, ehe er die Tür hinter uns schloss. »Du könntest niemals meine Feier vermasseln, Annie. Nur durch dich wird sie doch erst richtig cool.« Idiot! Ich wusste, dass das nicht stimmte. Ich trug rein gar nichts dazu bei, dass die Party episch wurde. Ich war einfach nur ein langweiliger Bücherwurm, der zufällig mit dem Gastgeber befreundet war. Dennoch war ich ihm dankbar dafür, dass er versuchte mich aufzuheitern. Jonah wusste genau, wie sehr ich es hasste und damit kämpfte, als kleines, dummes Mädchen dargestellt zu werden. Ja, ich war erst lächerliche 15. Ja, ich hatte bis heute tatsächlich noch nie einen Jungen geküsst. Doch das hieß noch lange nicht, dass ich nicht darüber nachdachte. Dass ich nicht davon träumte.
Jonah sollte eigentlich mein erster Kuss werden. Doch diesen einfach so bei ihm einzufordern, das konnte ich nicht. Ich hatte Angst unsere Freundschaft dadurch kaputt zu machen. Und vor allem hatte ich Angst davor, er würde diesen Kuss nicht erwidern wollen. Außerdem sah er ohnehin nur eine Art kleine Schwester in mir, die er zwar liebte – jedoch nicht so, wie ich es mir wünschte.
»Du weißt, ich bin immer für dich da, Annie, oder?« Erstaunt schaute ich ihn an, während ich mich zu ihm aufs Bett setzte. »Ich meine, ich bin da, wenn du mich brauchst. Und das wird sich auch niemals ändern, hörst du?« Ich nickte sachte. Doch verstand ich seine Worte trotzdem nicht. Ich wusste nicht, worauf er damit hinaus wollte. Oder ob sie überhaupt Sinn ergaben. Ich wusste nur, dass ich ihm vertraute. Und ihm jedes Wort glaubte. Jonah würde immer für mich da sein, egal was kommen mochte.

5
Jonah

Gedankenverloren betrachtete ich den signierten Baseball von Billy Mitchell, der auf seinem Ehrenplatz in einer der vielen Vitrinen in meinem Tonstudio stand und mich daran erinnerte, wie unglaublich Annabelle immer zu mir gewesen war. Ich wusste, sie hatte sich damals dumm und dusselig gespart, bis sie mir diesen Baseball als Geschenk kaufen konnte. Und anfangs wollte, nein ich konnte ihn nicht annehmen. Er schien viel zu wertvoll. Genauso wie meine Freundschaft zu diesem Mädchen damals.
Annie war schon immer etwas ganz Besonderes. Sie war schlicht anders. Und obwohl sie noch so jung war, verstand sie schon damals mehr von der Welt als manch anderer in meinem jetzigen Alter. Ich wusste, sie wollte mir mit diesem Geschenk weitaus mehr sagen, als sie es letztendlich getan hatte. Und vermutlich war es besser so.
»Ist sie immer noch im Gästezimmer?« Beths Frage riss mich aus meinen Gedanken. Verloren stand sie in der offenen Tür zu meinem Tonstudio, das ich mir in meinem Haus eingerichtet hatte, um mehr von Zuhause arbeiten zu können. Alles Gracey zuliebe natürlich. Wenn ich könnte, würde ich keine einzige Sekunde ihres Aufwachsens verpassen. Doch das Leben lief nun mal anders.
Emilia, Graceys Mutter und meine Ex-Freundin, hatte ihr Studium abgebrochen, als sie erfuhr, dass sie mit Gracey schwanger war. Und so war es seitdem allein an mir, das Geld nach Hause zu bringen und beide zu versorgen.
Auch wenn Emilia und ich schon lange nicht mehr zusammen waren, so ließ ich sie dennoch und aus gutem Grund weiterhin in meinem Haus leben. Wer sonst hätte besser auf Grace aufpassen können, wenn ich mal wieder auf Tour oder auf einem meiner unzähligen Termine war, als ihre eigene Mutter? Wir hatten uns damit arrangiert, auch wenn es hin und wieder nicht leicht war. Doch wir taten das alles Gracey zuliebe, wir waren es ihr schuldig.
Vor Jahren schon kaufte ich dieses Haus mitten im Nirgendwo. Denn für mich war es Liebe auf den ersten Blick. Ich mochte die Abgeschiedenheit und das Landleben. Anders als Emilia, wie sie recht schnell nach ihrem Einzug feststellte. Sie vermisste das Stadtleben, vermisste ihre Freunde in unmittelbarer Nähe. Vermisste es, umringt zu sein von Menschen, Häusern und Lärm.
Ich war da vollkommen anders. Schon als kleiner Junge träumte ich von einem alten Bauernhof, einer echten Farm, die ganz allein mir gehörte. Das bedeutete um Gottes Willen nicht, dass ich in die Landwirtschaft wechseln wollte. Doch ich liebte es, hier zu leben. Ich stellte es mir damals schon immer wunderschön idyllisch vor. Und so war es auch. Ich hatte mir meinen Traum erfüllt, als ich dieses alte Gemäuer kaufte. Von Grund auf hatte ich es sanieren und restaurieren lassen, hatte alles so hergerichtet und mitgestaltet, wie ich es schon immer wollte.
Leider hatte ich am Ende nicht viel davon. Denn mein Terminkalender erlaubte nur selten mehr als ein paar Tage am Stück Zuhause. Ständig war ich unterwegs und so bekam ich auch meine Tochter nur selten zu Gesicht – was letztendlich auch der Grund dafür war, weshalb ich Annie bewusst mit zu mir nach Hause genommen hatte, anstatt sie in ein Hotel zu bringen.
Bevor es in zwei Tagen weiter auf Tour und zum nächsten Konzert ging, wollte ich etwas Zeit mit Gracey verbringen und gleichzeitig ein Auge auf Annabelle haben. Dabei hatte ich noch immer keine Ahnung, wie ich meiner ehemaligen besten Freundin sagen sollte, dass ich eine einjährige Tochter hatte. Denn ich war sicher, Annabelle wusste nichts von Gracey. Ben hatte mir versprechen müssen, niemandem von ihr zu erzählen, auch nicht seiner Schwester. Ich wusste, was ich ihm damit angetan hatte. Doch ebenso wusste ich, er verstand meine Gründe.
»Sie redet nicht mit mir. Keine Ahnung, was ich noch machen soll, aber ich weiß langsam nicht mehr weiter. Sie verschließt sich seit der Ankunft in ihrem Zimmer und…«
»In unserem Gästezimmer«, korrigierte mich plötzlich die Mutter meiner Tochter, die neben Beth in der Tür auftauchte und mich vorwurfsvoll ansah. Dabei wusste sie genau, dass es noch immer mein Haus war, indem sie lebte. Und das nur wegen Grace. Wäre ich nicht auf Emilia angewiesen, hätte sie sich längst etwas anderes suchen müssen.
»Nun, vielleicht wäre es ja besser, wenn hier nicht so viele ihr fremde Menschen umherlaufen würden, hm?« Beth wusste genau, ich meinte nicht sie damit. Sie war meine Managerin, sie musste sich hin und wieder hier aufhalten. Emilia hingegen sollte in diesem Augenblick eigentlich wieder bei ihren Eltern sein. Denn darauf hatten wir uns eigentlich geeinigt. Sobald ich ein paar Tage frei hatte und Zuhause bei Gracey sein konnte, verbrachte Emilia eben diese Tage bei ihrer Familie in Illinois. Warum sie also noch immer hier war, war mir schleierhaft.
»Wie sieht es denn mit Essen aus? Hat sie wenigstens schon etwas gegessen oder ein wenig geschlafen, seitdem sie hier ist?«, fragte Beth, da sie dem Streit zwischen Emilia und mir vorbeugen wollte.
Kopfschüttelnd seufzte ich. »Nein, soweit ich weiß, hat sie noch nichts vom Essen angerührt, das ich ihr hingestellt hatte. Und geschlafen hat sie sicher auch nicht. Die ganze Zeit über sitzt sie einfach nur stumm da und schaut aus dem Fenster. Seitdem ich sie gestern aus der Klinik abgeholt habe, hat sie kein Wort gesagt. Ich weiß langsam nicht mehr weiter. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, sie herzubringen.« Ich war verzweifelt. Wenn Annabelle so weitermachte, würde sie erneut im Krankenhaus landen und so langsam zweifelte ich daran, ob meine Entscheidung, sie mitzunehmen, die Richtige war. Vielleicht brauchte sie tatsächlich psychologische Hilfe? Vielleicht aber brauchte sie nur etwas Zeit. Zeit, um richtig trauern zu können und ihre Gedanken zu ordnen.
»Natürlich war es keine gute Idee, jemanden wie sie herzubringen, Jonah. Ich meine, dieses Mädchen…«
»Frau«, korrigierte ich Emilia harsch. Denn dass Annie kein kleines Mädchen mehr war, keine süße 16, das war schließlich nicht zu übersehen.
»Jedenfalls…« Emilia seufzte tief. »Ich glaube, du solltest sie zurückbringen, Jonah. Wer weiß, was eine Person wie sie alles anstellen könnte. Denk an deine Tochter. Ich finde es zu gefährlich diese Frau hier wohnen zu lassen.«
»Und ich finde, du solltest jetzt gehen, Emilia. Du kennst unsere Abmachung, also halte dich daran. Solange ich hier bin, bist du woanders«, knurrte ich drohend. Denn langsam verlor ich die Geduld. Nicht nur wegen meiner Ex-Freundin, die sich plötzlich in Dinge einmischte, die sie nichts angingen, sondern vor allem, weil ich nicht mehr weiter wusste. Es war schwer für mich, Annie so leiden zu sehen. Jedes Mal, wenn ich versuchte, mit ihr zu reden, bekam ich keine Antwort. Es war, als würde ich mich mit der verdammten Wand unterhalten. Wenn ich doch nur wüsste, wie ich ihr helfen könnte. Ich würde einiges tun, um sie wieder lächeln zu sehen. Denn das letzte Mal, dass ich ihr Lächeln zu Gesicht bekam, war nun schon über sieben lange Jahre her.

Am Abend bereitete ich das Gute-Nacht-Fläschchen für Gracey vor, als ich Geräusche aus dem oberen Stockwerk vernahm. Das musste Annabelle sein. Vielleicht würde sie ja doch endlich etwas von dem essen, das ich ihr vorhin vor die Tür gestellt hatte. Ich hoffte es so sehr. Sie war bereits auf Bens Beerdigung nur noch Haut und Knochen. Als sie sich dann mit seinen tausenden Pillen von Schmerz- und Beruhigungsmitteln hatte umbringen wollen, mussten sie ihr noch dazu den Magen auspumpen. Seitdem hatte sie kaum etwas zu sich genommen. Nicht im Krankenhaus und seitdem sie hier war schon gar nicht. Ich machte mir wirklich Sorgen, sie würde demnächst einfach vor Erschöpfung umfallen und ich würde es nicht rechtzeitig bemerken.
Erneut polterte es ein Stockwerk über mir und ich wurde stutzig. Was, wenn es doch Grace war, die aus ihrem Bettchen gefallen war? Doch ich hörte kein Weinen. Kein Schreien. Alles schien ruhig. Bis auf das leise Poltern. Schnell schnappte ich mir das Fläschchen mit der aufgewärmten Milch für meine Tochter und ging die Treppen rauf. Das Tablett mit dem Essen vor Annies Tür stand immer noch da. Und es schien darauf nichts zu fehlen. Alles beim Alten.
Enttäuscht seufzte ich auf, ehe ich das Zimmer meiner kleinen Prinzessin betrat und Gracey mir strahlend entgegengluckste. Ich lachte, als ich erkannte, wie sie vor Freude zu zappeln und tanzen begann und nahm sie auf meinen Arm, um sie so besser füttern zu können.
Früher hatte ich eine Mordsangst, etwas falsch zu machen. Ich hatte dermaßen Schiss und Panik, als Grace auf die Welt kam, dass ich es als Vater nicht packen und versagen würde, dass ich regelrecht durchgedreht war. Schließlich war ich damals gerade einmal 24 und hatte von Kindern so viel Ahnung wie Ben vom Skateboardfahren damals – nämlich überhaupt keine. Ich wusste nicht, wie man Windeln wechselte, wie man ein Baby richtig hielt oder wie man es in den Schlaf wiegte. Ich hatte absolut keinen blassen Schimmer von all den Dingen und schaffte es dennoch irgendwie.
Gracey schien sich nicht zu beschweren. Nicht über ihre Mutter und auch nicht über mich als ihren Vater. Sie wirkte wie ein glückliches und zufriedenes, kleines Mädchen. Zumindest hoffte ich, dass sie das war. Emilia und ich gaben wirklich unser Bestes, um diesen Mäusezahn strahlen zu sehen. Genau wie jetzt, während sie schmatzend an ihrem Fläschchen hing und mich aus großen, blaugrünen Augen anschaute, als wäre ich ein Gigant, der sie für immer beschützen würde.
Annabelle sagte einst, ihr Vater wäre ihr Held. Und dass Mädchen meist eher auf ihren Dad fixiert waren und sie deswegen tierisch vergötterten. Ich hoffte insgeheim, Gracey würde eines Tages auch so über mich denken. Dann konnte ich mir sicher sein, ich hatte bei ihr alles richtig gemacht. Es wäre wohl die erste Sache in meinem Leben, die ausnahmsweise nicht schief lief.

Als Gracey an meiner Brust endlich eingeschlafen war, schlich ich noch einige Male in ihrem Zimmer auf und ab, bis ich sicher sein konnte, dass sie nicht mehr aufwachte. Doch als ich sie zurück in ihr Bettchen legen wollte, hörte ich abermals das seltsame Poltern und wandte mich verwundert zur Tür, die immer noch offen stand und direkt in den Flur führte.
Ich hatte damit gerechnet, dass Emilia zurückgekommen war, um ihre Sachen für Illinois zu holen. Schließlich war sie vorhin einfach eingeschnappt abgehauen, hatte das Haus verlassen, ohne unserer Tochter vorher einen Abschiedskuss zu geben. Auch wenn sie nur für ein oder zwei Tage wegbleiben würde, sie war bisher noch nie einfach gegangen, ohne sich von Gracey zu verabschieden.
Doch es waren weder Emilia, noch Beth, die vor Graceys offener Tür standen. Es war ausgerechnet Annabelle, die verloren und scheu wie ein Reh, das im Lichtkegel eines auf sich zufahrenden Autos geblendet und regungslos war, vor dem Zimmer meiner Prinzessin stand und sichtlich durcheinander schien. Durcheinander, jedoch nicht entsetzt oder schockiert, wie ich es eigentlich erwartet hatte. Vielleicht aber verstand sie noch nicht, dass Gracey, dieses winzige Mädchen in meinen Armen, meine Tochter war, mein eigenes kleines Universum und mein ganzes Leben.
Scheinbar hatte ich mir umsonst den Kopf darüber zerbrochen, wie ich Annabelle von meiner Tochter erzählen sollte. Mir hätte klar sein müssen, dass sie Gracey früher oder später entweder weinen und schreien hören würde. Oder sie würde sie schlicht und ergreifend entdecken. Ob nun in ihrem Zimmer, auf meinen Armen, wenn ich sie fütterte oder draußen im Garten, wenn sie auf der Wiese umherkrabbelte. Ich hatte eindeutig zu lange mit meiner Beichte gewartet und nun konnte ich nur hoffen, Annie würde nicht schreiend und enttäuscht von mir davon rennen. Ich hoffte, sie würde in Graceys große Kulleraugen schauen und sich genauso auf den ersten Blick in sie verlieben wie ich es getan hatte.
Unsicher lächelte ich Annie an, hoffte, sie würde irgendeine Regung zeigen, den Mund öffnen oder wenigstens Blinzeln. Doch sie blieb wie immer stumm und starrte auf das kleine Knäuel in meinem Arm, das sich an meine Brust schmiegte und mit nuckelnden Geräuschen am Schnuller saugte, während es friedlich schlief.
Annabelle schien verwirrt aber dennoch gewissermaßen fasziniert von Gracey. Vielleicht auch ein wenig eingeschüchtert. Doch endlich erkannte ich wieder etwas in ihren Augen. Und es war keine Leere, die ich darin vorfand. Es war… Neugier.
»Möchtest du sie vielleicht einmal halten?«, flüsterte ich leise, während ich mit Gracey in meinem Arm auf Annabelle zuging. Sofort schüttelte diese panisch den Kopf. Sie hatte ja keine Ahnung, wie sehr ich mich über diese Reaktion freute. Auch wenn sie es nicht wusste, sie gab mir damit zumindest einmal endlich wieder eine Antwort. Wenn auch nur nonverbal. Ich war dennoch dankbar dafür. »Ist sie nicht unglaublich?« Dicht stellte ich mich vor meine beste Freundin, die mir diesmal Gott sei Dank nicht auswich, und ließ sie einen Blick auf meine Prinzessin werfen.
Annabelle schien Gracey mit ihren Augen förmlich aufzusaugen. Mir schien, als könne sie sich nicht mehr von ihrem Anblick losreißen, so gefesselt schaute sie dem Nuckeln meiner Kleinen zu. Ich wusste nicht so recht, was wirklich in ihrem Kopf vor sich ging, doch ich hoffte, Gracey würde ihr dabei helfen, wieder klar denken zu können. Annabelles Leben war nämlich keineswegs sinnlos. Und ich hoffte, das würde sie nun erkennen. Ein eigenes Kind war ein Geschenk des Himmels. Jeder sollte einmal diese Erfahrung im Leben gemacht haben. Und ich wusste genau, Annie wollte Kinder. Zumindest hatte sie das früher immer wieder gesagt. Vielleicht würde sie ja darin den Sinn finden, weshalb sie immer noch hier und nicht längst bei ihrem Bruder war. Ihr Suizid schlug fehl. Weil es das Schicksal eben so wollte. Wie sagte Oskar Wilde einmal so schön? »Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es auch nicht das Ende.«

12 Jahre zuvor

»Was willst du einmal werden, wenn du groß bist?« Annie lag mit ihrem Rücken auf dem kleinen Vordach, das direkt vor ihrem Zimmer lag und starrte in den dunklen Nachthimmel. Hell und leuchtend funkelten Milliarden von Sternen über uns. Es war eine warme Sommernacht und eigentlich musste ich längst wieder Zuhause sein und schlafen, doch ich konnte mich nicht dazu aufrappeln, zu gehen. Noch am Abend hatte ich lange mit Ben an der Konsole gezockt, ehe Annie zu quengeln begann, weil ihr großer Bruder sie nie mitspielen ließ. Seine Erklärung: sie war schlicht zu schlecht darin und würde ohnehin immer gegen uns verlieren. Ich jedoch glaubte, es war das Gegenteil. Bens kleine Schwester war mit ihren elf Jahren gar nicht mal so übel und zockte bereits wie ein Profi, wie ich fand. Wahrscheinlich war es also Ben, der nicht gegen sie verlieren wollte, nicht umgekehrt. Und so schauten wir uns nach einer endlosen Diskussion der beiden Geschwister einfach nur einen Film an. Arielle die Meerjungfrau.
Ich wusste nicht, wie oft Ben und ich den Film bereits gesehen haben mussten. Alles nur wegen und für Annie. Sie liebte diese rothaarige Meerjungfrau. Vielleicht auch, weil sie ein klein wenig war wie sie selbst. Quirlig, frech – aber herzensgut. Ich mochte den Vergleich und deswegen machte es mir eigentlich auch nichts aus, diesen Film zum gezählt 21. Mal mit ihr gemeinsam zu sehen. Solange es sie glücklich machte, beschwerten Ben und ich uns nicht.
»Ich glaube, ich will unbedingt Mal die ganze Welt bereisen«, erwiderte ich nach einer Weile der Stille, in der wir einfach nur nebeneinander lagen und die Sterne über uns bewunderten. Wie viele es wohl insgesamt waren?
»Das ist doch kein Beruf, Dummie!«, kicherte Annie und hielt sich dabei den Bauch. Mein bester Freund war bereits vor einer Weile zurück ins Innere verschwunden. Sein Zimmer lag exakt auf der gegenüber liegenden Seite des Hauses und so konnte er uns nicht einmal belauschen – seine kleine Schwester und mich. Dabei wäre es mir egal, wenn er es doch tun würde. Ich hatte nichts vor ihm zu verheimlichen. Ben war schon immer mein bester Freund, er kannte jedes Geheimnis, das ich besaß. Jedes, bis auf Eines.
»Es kann aber einer werden, findest du nicht auch? Ein Beruf, meine ich. Das ist doch möglich so was!« Ich drehte meinen Kopf in Annies Richtung und hörte, wie ihr Kichern verstummte. Offenbar schien sie über meine Frage nachzudenken. »Ich glaube, man kann die Welt bereisen und trotzdem Geld damit verdienen. Da gibt es bestimmt einen Weg«, meinte ich nachdenklich, während ich die Sommersprossen auf Annies Gesicht im Geiste zählte. Dreizehn! Es mussten genau dreizehn sein. Zumindest waren es so viele, wie ich in der Dunkelheit der Nacht gerade erkennen konnte.
»Das klingt schön«, murmelte meine beste Freundin leise und drehte ihren Kopf nun auch in meine Richtung. Wortlos sahen wir uns an. Wie lange, wusste ich nicht zu schätzen. Zeitgefühl schien ohnehin nicht meine Stärke. Schon gar nicht dann, wenn ich in das warme Apfelgrün von Annabelles Augen schaute.
»Und was willst du mal werden, wenn du groß bist?«, durchbrach ich irgendwann die Stille zwischen uns, ohne meinen Blick von ihr abzuwenden.
»Glücklich.« Das war alles, was sie sagte. Doch es kam wie aus der Pistole geschossen. Auch wenn ich es nicht sofort verstand.
»Glücklich?«, fragte ich verwirrt und schaute wieder nachdenklich zu den Sternen, die mich ohnehin immer an Annies Augen erinnerten. »Das ist aber genauso wenig ein Beruf«, stellte ich fest.
»Es hat aber damit zu tun, findest du nicht auch?« Meine beste Freundin lächelte, als sie hoch zum Himmel schaute. »Ich kann nur glücklich sein, wenn ich einen Beruf habe, den ich liebe. Genauso, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die ich liebe. Dann werde ich immer glücklich sein.«
»Bist du denn jetzt nicht glücklich?«, fragte ich verunsichert und drehte mich wieder so, dass ich sie ansehen konnte. Die Sterne waren mir jetzt völlig egal.
Annie lächelte selig und drehte sich ebenfalls zu mir um. Ihre Augen funkelten hoffnungsvoll und ich wusste, ich würde diesen Moment niemals mehr vergessen. »Doch. Jetzt bin ich auch glücklich. Überglücklich.«